Freitag, 17. August 2012

Des sittlichen Anstandes halber verborgen


"Durchschnitt durch das weibliche Becken", Abbildung aus dem 
Führer eines "Extrakabinetts" um 1900, Sammlung Nagel

Mitunter kann auch erzählende Literatur zu wirklichkeitsnahen und aufschlussreichen Einblicken in ein Sujet verhelfen. So gibt Karl von Holtei in seinem 1851 erschienenen Roman „Die Vagabunden“ anerkanntermaßen ein sehr realistisches Bild von den verschiedenen Schaustellungen reisender Unterhaltungskünstler um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist auffällig, dass die typischen Schaubudenattraktionen, die für das letzte Drittel dieses Jahrhunderts in großer Zahl bezeugt sind, zum größten Teil auch schon in der ersten Jahrhunderthälfte existierten. In Bezug auf die gesonderten Abteilungen der Wachsfigurenkabinette, die i.d.R. zu dieser Zeit noch nicht auf Werbezetteln und in Anzeigen erwähnt werden, bilden literarische Zeugnisse wie Gottfried Kellers oben zitiertes Tagebuch oder Holteis Roman sogar zentrale Quellentexte:

Im 41. Kapitel geleitete das Geschick Anton bzw. Antoine, der Held des Romans, „an eine große, mit besonderer Sorgfalt konstruierte Bude, deren Anschlagzettel das große Wachsfigurenkabinett des Herrn Blämert verkündeten. An der geöffneten, reich verzierten Kasse, vor der ein wächserner Gardist schulterte, saß eine junge Dame (…). Sie lud ihn durch eine graziöse Bewegung des Kopfes ein, den Schauplatz zu besuchen und deutete, (…) mit der Hand auf den Vorhang, durch den er sich zu schieben habe. (…) 
Ich will mich gar nicht hinter meiner Kinderdummheit und deren törichte Furchtsamkeit verstecken; ich will vielmehr treuherzig eingestehen, daß ich mich auch noch als überreifer, vielerfahrener Mann fürchterlich gefürchtet habe, wenn ich mich zufällig (…) allein vor einer solchen Parade von Wachsfiguren befand. Fast kenne ich nichts Schauerlicheres, als eine Gesellschaft ausgeputzter Kadaver,; ich behaupte auch, daß es, ich weiß nicht warum, wie in einer Totenkammer riecht! Deshalb bin ich auch nicht berechtigt, meinem Helden sein Entsetzen übel zu nehmen. Es findet sich eine Zeile in seinem Tagebuche (…), - worin er ausspricht, daß er sich unbedenklich durch die Flucht gerettet haben würde, hätte er nicht die schöne, stumme Blondine an der Kasse gewusst und ihren Hohn gefürchtet. Er stählte sich folglich mit dem Mute der Furcht, welcher, obgleich nichts anderes als die Furcht vor der Furcht am gehörigen Orte Wunder zu wirken vermag. Er blieb; rückte den hohen und höchsten Herrschaften, die, mit berüchtigten Räubern, Dichtern, Delinquenten, Gelehrten, Kartenspielern, Trinkern, Giftmischern abwechselnd, hier zu Gruppen vereinigt, dort in ungeselliger Abgeschlossenheit zu sehen waren, zuversichtlich auf den Leib und warf ihnen drohende Blicke zu, forderte sie auf, ihn zu beleidigen! (…) Nichtsdestoweniger gestand er sich’s aber: ich will lieber mit Tigern und Leoparden zu schaffen haben, die doch mindestens durch ihr Gebrüll aufrichtig bezeugen, wes Geistes sie sind: lieber mit jenen Vierfüßlern, als mit diesen zweibeinigen, sprachlosen, hochzuverehrenden Herrschaften.                                                                                                         
Eine Seitentür öffnete sich. Zwei Herrschaften traten heraus, zum Hauptausgange geleitet von einem dritten, dem Schöpfer dieser kalten Welt, (…)                               
Der Holländer, fertig Französisch redend und lebendiger, als die meisten seiner Landsleute, begann ein recht interessantes Gespräch, das freilich zunächst den von ihm ausgearbeiteten Köpfen und Figuren galt, ihn dabei aber doch, durch nahe liegenden Bezug auf dieselben, wie einen künstlerisch und nicht unwissenschaftlich ausgebildeten Mann erscheinen ließ. ‚Was Sie hier sehen’, sagte er, ‚ist nur für die Menge berechnet, denn ich muß mich ernähren. Andere, bedeutendere Arbeiten verwahre ich in jenem Seitenkabinett, aus dem ich soeben mit den beiden Herrn trat. Darin verberge ich – denn verborgen müssen sie bleiben des lieben sittlichen Anstandes halber – die Erzeugnisse meiner Mußestunden. Nachbildungen teils verschiedener Naturmysterien, wie dieselben von Damen, Kindern – überhaupt öffentlich nicht ausgestellt werden dürfen. Den Ausdruck des Menschlichen zu treffen, insofern er dem Antlitz geistige Weihe gibt, gelingt Künstlern meiner Gattung nur unvollkommen. Wir wollen plastische Bildner sein und Maler, beides zugleich; deshalb sind wir streng genommen keines von beiden. Ich sehe das deutlich ein, bin darum auch unzufrieden mit dem, was hier prunkt und prangt. Aber meine kleinen Arbeiten da drin, in der heimlichen Kammer, darf ich vollkommen nennen in ihrer Weise. Sie maßen sich nicht an, Leidenschaften, Gefühle, Charaktere auszudrücken, sie bedürfen keiner Augen, die Feuer, keiner Mienen, die inneres Leben verlangen. Was durch Fleiß und Geschicklichkeit erreichbar ist, genügt für diese Arbeiten. Für den Augenblick befinde ich mich mit Vorzeigung derselben in peinlicher Verlegenheit. Ich kann dafür, als für eine nur im Stillen gegebene und geduldete Begünstigung, natürlich auch nur einen zuverlässigen, anständigen Diener gebrauchen, und einen solchen gelang es mir nicht aufzufinden, seitdem der vorige, den ich aus Holland mitnahm, nach unserer Heimat zurückgekehrt ist.’ “ (Ausgabe Halle/S. 1911, S.287ff)

Antoine findet Anstellung in Blämerts Wachsfigurenkabinett, genauer im erwähnten „Seitenkabinett“ desselben: 
„Das ist wahr, einzurichten versteht mein Herr seine Sachen. Unsere Bude sieht aus wie ein Schmuckkästchen von innen und außen. Mein heimliches Kabinett ist so niedlich, daß ich es fast zu schön finde für die unschönen Gegenstände, die es zum Teil einschließt. Herr Blämert ist zwar sehr stolz auf dieselben und gewissermaßen kann er es wohl sein; alle Kenner loben die vollendete Ausführung. Aber bei all dem kann ich die Scham noch nicht überwinden, daß ich so viele Sachen enthüllen muß, die besser verschleiert bleiben. 
Was es doch für Weiber gibt! Gestern bestanden ihrer zwei darauf, mit einer Herrengesellschaft zugleich die verbotenen Waren anzusehen. Na, mir konnte es recht sein! Aber wenn meine Geliebte oder meine Frau solches Äpfelgelüste zeigte, - ich gäbe ihr, glaub’ ich, den Laufpaß! 
Da lobe ich mir Frau Blämert. Die macht schon linksum, wenn sie nur in die Nähe der Tür gerät. Fast komme ich auf die Vermutung, sie wolle mir bloß deshalb übel, weil sie in mir den Hüter jener anstößigen Kleinodien erblickt.                                                           
Die Trinkgelder fließen übrigens reichlich ein.“ (ebenda, S.294f)

Sonntag, 19. Dezember 2010

Der Amtmann als Räuber

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Filmplakat 1960er Jahre

Die Physiognomien der Verbrecher in den reisenden Wachsfigurenkabinetten werden in vielen Fällen ebenso wenig den Originalen entsprochen haben wie ihre Bekleidung oder die ausgestellten Tatwerkzeuge. Machte ein Betrüger oder Mörder Schlagzeilen, so brachte die zeitnahe Präsentation seiner wächsernen Kopie einen großen Werbeeffekt. Die Schausteller waren daher stets um die Aktualität ihrer "Verbrechergalerien" bemüht, wozu oftmals einfach eine vorhandene Figur entsprechend ausstaffiert und gekennzeichnet wurde.
Auch die großen, in die Geschichte eingegangenen Schurken vergangener Tage entsprachen mitunter nicht ihren Vorbildern - ein Umstand, den Ludwig Tieck  zum Anlass einer überaus humorvollen Episode in seiner Novelle "Der Jahrmarkt" von 1832 nahm:

" (...) Dieser Gang führte sie wieder aus der Stadt in die Promenaden, und zugleich zu einer Reihe von großen hölzernen Gebäuden in welchen verschiedene Schau-Ausstellungen sich der Betrachtung boten.
Man las die verschiedenen lobpreisenden Zettel und Ankündigungen, und dem Amtmann schien ein großes berühmtes Kabinett von Wachsfiguren, in welchem viele bekannte tote und lebende Menschen ausgestellt waren, am anlockendsten.
Man bezahlte den Eintrittspreis. Die Thür ward geöffnet, und der Amtmann, welcher als der Vornehmste voran schritt, wandte sich an einen wohlgekleideten Herren, welcher gleich rechts stand, mit der Frage: ist es erlaubt, allenthalben ganz nahe hinzu zu treten? Die Pfarrerin und Rosine, die jetzt folgten, verneigten sich vor den schimmernden herausgeputzten Figuren demütig, und der Amtmann nahm es fast übel, daß der freundliche Herr ihn keiner Antwort würdigte, bis er inne ward, mit welchem er sich unterhielt, eben auch nichts Besseres, als eine wächserne Larve sei.
Da es noch früh am Tage war, fanden sie nur wenige andre Beschauer, und die beiden Familien vom Lande waren im Genuß um so heitrer und weniger befangen. Prinzessinnen Als man sich genug von den Potentaten und den Diamanten der Prinzessinen hatte blenden lassen, so nahm man auch von den Gelehrten und und Bürgerlichen in dieser Kunst-Ausstellung einige Kenntnis. Plötzlich eilte der Amtmann nach einem Winkel und deutete, daß seine Begleitung ihm folgen solle. Hier stand eine Figur in altfränkischen Galakleidern, in einem betreßten Rock, seidenen Strümpfen, mit Degen und dem Hut unter dem Arm, das breite, stark gefärbte Gesicht lächelnd und grinsend. Nun, sagte der Amtmann erfreut; kennen sie, Pastor, diesen Mann?
Nein, sagte dieser, und doch schwebt mir wie eine Erinnerung vor, als wenn ich diese Figur schon einmal sollte gesehen haben.
Ei! Ei! rief der Amtmann halb verdrüßlich; sehn Sie doch nur die Kleider an! Es werden jetzt fünf oder sechs Jahre sein, daß ein umfahrender Künstler auf meinem Amte einkehrte und auch an meinem Tische aß. Er suchte mich, weil ich ihn freundlich aufgenommen hatte, zu zeichnen, er kopierte und bossierte, färbte und künstelte, und hatte auch mit Wachs zu schaffen. Er ließ mir auch keine Ruhe, bis ich ihm mein ältestes Galakleid für einen mäßigen Preis verkaufte, wozu ich auch endlich mich bequemte, weil ich es, wie mir meine Gattin vorstellte, doch niemals wieder brauchen könne, indem die Mode zu veraltet sei. Nun hat dieser Mann, der wohl mit dem Kabinetthalter verwandt ist, meine Gestalt hier unter alle diese erlauchten und berühmten Menschen aus Dankbarkeit ausgestellt. Denn, sehn Sie nur etwas genauer hin, so werden Sie gewiß, wenn auch vielleicht nicht ganz täuschend ähnlich, meine Physiognomie erkennen.
Alle erkannten jetzt den Amtmann an seinen ehemaligen Kleidern, und Fritz war hocherfreut, seinen Papa in so einer würdigen Gesellschaft stehn zu sehn. Ja, rief Titus aus, Sie stehn hier zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen, Sie haben sich Ihrer Nachbarschaft nicht zu schämen
Einige Mädchen, in Gesellschaft von jungen Leuten, waren auch näher getreten, und der Prediger ersuchte jetzt den bewanderten Titus, die Nummer in dem Verzeichnis nachzusehn, und ihnen vorzulesen, auf welche Art ihr würdiger Freund in dem gedruckten Blatt beschrieben würde. Titus las:
'Dieses geistreiche Gesicht mit dem seinen bedeutsamen Lächeln' -
Der Amtmann verbeugte sich errötend, indem er mit leiser Stimme sagte: es muß mich beschämen, daß diese freundliche Gesinnung nun so allgemein aller Welt mitgeteilt wird. Indessen ist es schmeichelhaft, seinen Mitbürgern und wohlwollenden Zeitgenossen auf diese Weise vorgeführt zu werden. Fahren Sie fort, Herr von Titus.
Titus las weiter: 'mit dieser Haltung, die ganz den vollendeten Weltmann verkündet, der immer nur in den vornehmsten Cirkeln gelebt hat, ' -
Man schmeichelt aber, warf der Amtmann ein, und übertreibt.
'in dessen Physiognomie, las Titus weiter, Menschenfreundlichkeit, Wohlwollen, Großmut und jede edle Tugend sich zu verkündigen scheint,' -
Ich weiß nicht, unterbrach der Amtmann wieder, das ganze Gesicht von Röte und Bescheidenheit übergossen,  wie ich nur, nach diesen Lobpreisungen, auf den Straßen werde wandeln können. Aber dir, mein Sohn Fritz, sei diese Begebenheit eine Aufmunterung, immerdar der Bahn der Tugend getreu zu bleiben. Du siehst, auch das verborgene Verdienst wird nicht verkannt, auch aus der stillen Einsamkeit wird es an das Licht des Tages gezogen, auch der schweigenden Tugend schlägt die Stunde der Anerkennung. Gib mir die Hand darauf, mein Sohn, daß du in meine Fußstapfen treten willst. - Fritz schüttelte des Vaters Rechte und machte fast eine Miene, als wenn er vor Rührung weinen wollte. - Weiter! befahl hierauf der Amtmann in einem barschen Tone, indem er sich gerade aufrecht stellte, und stolz seiner Copie ins grinsende Antlitz schaute. 
Titus aber fiel in einen seltsamen Husten, der gar nicht endigen wollte, sein Gesicht verzog sich gewaltsam, als wenn er zu ersticken fürchtete. Fritz klopfte dem Kämpfenden in den Rücken, um ihn zu erleichtern, und als der Krampf sich beruhigt hatte, las der Erschöpfte mit matter Stimme:
'Wer würde in dieser anmutigen Bildung jenen Bösewicht, den weltbekannten Cartouche, der ehemals in Paris  eine so große Rolle spielte, wieder erkennen? Der Künstler hat das Gesicht genau nach einem authentischen Gemälde gebildet, die Kleider sind ebenfalls dieselben, in welchen der Bösewicht die vornehmsten Gesellschaften zu besuchen pflegte" --
Es ist nicht möglich, den Zorn, Schreck, das Entsetzen des Amtmanns zu beschreiben, als er diesen Artikel vorlesen hörte. Nein, schrie er mit donnernder Stimme, hier ist mehr als kriminell, mehr als Hochverrat! Himmel und Erde! Das muß einem ehrbaren Mann, einem tugendhaften Staatsbürger begegnen! Schändlicher, als im imfamsten Pasquill ausgestellt zu werden! Das verdient mit dem Scheiterhaufen, mit dem Fluche der Mit- und Nachwelt bestraft zu werden!
Es waren indessen noch mehr Neugierige herein getreten, und alles drängte sich neugierig um die Gruppe, welche den deklamierenden Amtmann umgab. Die Besitzer des Kabinetts, als sie dies wilde Schreien hörten, stürzten ebenfalls herein, weil sie fürchteten, es sei einer ihrer Figuren ein Unglück zugestoßen. Alles fragte, drängte, schrie, man wollte den empörten Amtmann zu Gute sprechen, aber vergeblich. Man hatte genug zu tun, den Wütenden nur mit Gewalt von seinem Ebenbild zurück zu halten, welches er zertrümmern wollte. Die Eigentümer schickten nach der Wache, doch ehe diese noch anlangte, trat der Polizei-Präsident, welcher vorüber gehend das Lärmen vernommen hatte, in das Getümmel. 
Er ließ sich den Fall vortragen, nachdem es ihm gelungen war, den Amtmann einigermaßen zu beruhigen. Der Besitzer des Kunstwerkes erörterte dagegen: er habe schon vor zwei Jahren diese Figur, welche dem fremden Herrn so großen Anstoß erregt, von einem nicht unberühmten Wachskünstler eingekauft, welcher sie ihm unter dem Namen des berüchtigten Diebes und Spitzbuben Cartouche verhandelt habe. Er habe die Figur lieber als einen neueren Charakter gut oder böse ausstellen wollen, am liebsten als den Mörder Louvet, oder als den Demagogen Hunt, weil jede Zeit sich selbst doch immer am nächsten, und Cartoche so gut wie vergessen sei: nur Gewissenhaftigkeit und redliche Gesinnung habe ihn abgehalten, so als Wiedertäufer zu schalten, und es schmerze ihn, daß ein Kunstverwandter ihn so schmerzlich hintergangen habe. (...)"


Tieck, Ludwig: Werke in vier Bänden. Bd. III: Novellen. München 1985

Sonntag, 12. Juli 2009

Pst!


Fotografie von Jindrich Styrsky (Bildquelle: www.jedinak.cz) 


Das Berliner Passagepanoptikum in unmittelbarer Nachbarschaft von Castans Panoptikum stand immer im Schatten seines berühmten und älteren Konkurrenten, dessen bisherige Ausstellungsräume man gleich übernommen hatte, nachdem Castan zwecks Vergrößerung seiner Ausstellung in ein neues Gebäude in der Friedrichstraße umgezogen war. Obwohl das neue Unternehmen sehr von der bekannten Adresse profitierte und viele Berliner dort weiterhin Castans Etablissement wähnten, stellte sich der Erfolg erst ein, als die Betreiber verstärkt auf drastische und gruselige Effekte vor allem in der Schreckenskammer und im anatomischen Kabinett setzten. So konnte das Passagepanoptikum den einstigen Konkurrenten sogar noch um einige wenige Jahre überleben - und es erhielt am Ende durch Egon Erwin Kisch ein wunderbar ironisches, atmosphärisch-dichtes literarisches Denkmal:
"Geheimkabinett des anatomischen Museums
Das Schönste von Berlin ist die Linden-Passage.
Das Schönste von der Linden-Passage ist das Passagepanoptikum.
Das Schönste vom Passagepanoptikum ist das anatomische Museum.
Das Schönste vom anatomischen Museum ist das Extrakabinett.
Das Schönste vom Extrakabinett ist - pst!
Zur Führung des Beweises für die Richtigkeit oben angeschlagener viereinhalb Thesen sei vorerst die Tatsache hingeschrieben, dass es nirgends in Berlin solchen Mangel an Hast gibt wie in der Passage, solche Losgelöstheit vom Materialistischen wie in der subkutanen Verbindung zwischen der utilitaristischen Friedrichstraße und den repräsentativen Linden. Die Straße mag dem Verkehr dienen, die Passage gewiss nicht. (Wenigstens nicht dem Verkehr im allgemeinen.) Hier ist noch geradezu ein Abendkorso. Hier lustwandelt, ja lustwandelt man zwischen Jahrmarktsromantik und warmer Liebe; die Bücherläden stellen keine Lehrbücher zum Verständnis des Kurszettels und keine Wälzer über die Kriegsursachen aus; sondern „Das Liebesleben des Urnings“, „Als ich Männerkleider trug“, Die Renaissance des Eros Uranos“, Die Grausamkeit mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Faktoren“, Das Recht des dritten Geschlechts“, „Gynäkomastie, Feminismus und Hermaphroditismus“; das Schaufenster der Bilderhandlung ist fei von Liebermann, Pechstein oder Brangwyn-Graphik, aber auch von Linoleumschnitten frei, wir sehen badende Knaben auf den Felsen der Blauen Grotte und ein blondes unschuldvolles Mädchen, bloß mit Gretchenfrisur bekleidet; auch ein Panorama ist da – die fossile Zwischenstufe zwischen Daguerreotypie und Kintopp – mit allwöchentlich wechselndem Programm, ein chiromantischer Automat ruft mit großer Aufschrift, Konfitürengeschäfte, Spezialgummiwaren, Botenjungengesellschaft, zwei Schnellphotographen, Automatenbüfett, eine Duftei halten ihre Ladentür lange offen.
Das Passagepanoptikum ist das einzige, das uns seit Castans Ende noch geblieben ist. Mit herrlichen Genregruppen aus Wachs, „Das Duell“, „Ein verliebter Schornsteinfeger“, „Heimgezahlt“, „Ein verpatzter Hochzeitsfrack“, „Aller Anfang ist schwer“ (besonders beim Parademarsch! Hochaktuell!), „Barbarossa im Kyffhäuser“, „Am Tor des Findelhauses“, „Berlin bei Nacht oder der Jüngling im Séparée“, der Fürstensaal und die Akademie der Berühmtheiten, Märchensaal und humoristischer Vexierspiegel, sehr humoristisch, und die berühmte „Verbrechergeschichte von der Tat zum Schafott in acht Bildergruppen“, wovon besonders Nummer hundertfünf (Einbruch in die Totenkammer und Leichenraub) ziemlich bezaubernd ist. Dabei ist all das – was mit Nachdruck bemerkt sei – keineswegs belehrend, sondern eher – was mit Lob bemerkt sei – irreführend, ebenso wie man die Darbietungen der Automaten im Vestibül, „Geheimnisse des Schlafzimmers“, „Das Astloch im Zaun des Damenbades“, „Heirat auf Probe“, nicht etwa für aufschlussreich halten darf. Junge Freunde, die ihr vor den Gucklöchern mit gezücktem Fünfzigpfennigstück Polonäse steht, glaubt mir erfahrenem Greise, es ist unwahr, dass in einem Schlafzimmer fünf miese und (zum Glück) sehr bekleidete Weiber der achtziger Jahre in den Posen eines Cancans zu erstarren pflegen! Der Automat „Die Brautnacht“ funktioniert übrigens nicht, trotzdem nichts anzeigt, dass er außer Betrieb ist, seid also gewarnt, Mädchen!
Kommt, vertieft euch vielmehr in die Betrachtung der zwar arg verblassten, aber dafür wirklichen, wahren und naturgetreuen Photographien oben an der rechten Wand: Dort hängt unter Glas und Rahmen die Porträtgalerie jener Berühmtheiten, zu denen vielleicht unsere Eltern pilgerten und sicherlich am Sonntag deren Dienstmädchen, die Ruhmeshalle jener Abnormitäten, die mit großen Plakaten und lauten Ausrufern durch die Welt zogen, um sich bestaunen zu lassen. Nichts ist von ihnen mehr erhalten als höchstens ein Präparat in irgendeiner pathologisch-anatomischen Klinik – und diese vergilbte Walhall im Vestibül des Passagepanoptikums. Grüßet sie ehrerbietig! Lionel, der Löwenmensch, der Liebling der Frauen und Jungfrauen – so siehst du aus! -, ist da, Hunyady János, der Mann mit dem Vogelkopf, ist auch da, das Riesenkind Elisabeth Liska aus Russland, elf Jahre alt, zwei Meter zehn hoch, die hinten zusammengewachsenen Schwestern Bozena und Milada Blazek, Miss Crassé, das Tigermädchen, die riesige Tiroler Mariedl beim Melken ihrer Lieblingskuh, Riesenbackfisch Dora, La belle Annita, die tätowierte Schönheit, Prinzessin Kolibri, die kleinste Dame der Welt, Pirjakoff, der größte Mensch, der je gelebt hat, Machnow, der größte Mensch, der je gelebt hat, Hassan ben Ali, der größte Mensch, der je gelebt hat, Mr. Masso, der Kettensprenger, Haarathlet Simson, Hungerkünstler Papus und Hungerkünstler Succi, Mr. Tabor, der Muskelmensch mit dem dreifach gedrehten Arm, die behaarte Miß Pastrana, der lange Josef, der größte Soldat der preußischen Armee, mit Toni Marti, dem schwersten Knaben der Welt, die Schwestern Willfried, die stärksten Kinder der Welt, anderthalb und zweieinviertel Jahre alt, November 1902. Ach niemand besieht das Pantheon dieser Größen von einst, deren Leben es war, umherzufahren in der Welt, sich schauzustellen vor einem Zehnpfennigpublikum im matten Vormittagslicht eines Kirchweihzeltes oder eines Gasthauszimmers oder im allzu grellen Schein der abendlichen Zirkusmanege. Ausgebeutet, wiesen sie auf ihren monströsen Geburtsfehler und erklärten ihn mit papierenem, eingelerntem Text. Oder waren sie stolz auf ihn? Wir wissen nichts mehr von ihnen, als dass sie auch im Passagepanoptikum zu Berlin gastierten. Hier blieb ihr Bild bestehen, doch verblasst es von Jahr zu Jahr.
Viel besichtigter ist drüben, am anderen Ufer der Passage im Halbstock, das Anatomische Museum. Auch hier locken schon unten Puppen die Pupen und die Nutten an und jene, die es werden wollen. Ein wächserner Virchow, vor einem Totenschädel dozierend, ist stummer Ausrufer, im Vereine mit einem Mädchen, das auch die inneren Geheimnisse preisgibt, weil sogar die Bauchhöhle aufgedeckt ist; eine Reklametafel zeigt die Wirkungen des Miedertragens und ruft: ‘Erkenne dich selbst – so schützest du dich.’ Es kostet zwölf Mark fünfzig, sich selbst zu erkennen, wovon zwei Papiermark auf die Vergnügungssteuer entfallen; das Extrakabinett, ‘nur für Erwachsene’, erfordert kein Sonderentree. Ein Vorhang teilt dieses Allerheiligste der Passage vom profanen Teil des Anatomischen Museums und ist Besuchern unter achtzehn Jahren nicht zugänglich. Eine Tafel, von Viertelstunde zu Viertelstunde umgedreht, kündet: ‘Jetzt nur für Damen’, bzw.: ‘Jetzt nur für Herren’. Das eben ausgesperrte Geschlecht hat inzwischen in den ungeheimen Räumen herumzulungern, sich die plastischen Darstellungen des Verdauungsprozesses, der Hämorriden, der Cholerawirkungen, einer Zungenkrebsoperation, der Verheerungen des Branntweins in den Eingeweiden und dergleichen anzusehen und im Automaten die Gebärmutteroperation. Dann aber, dann dürfen die erwachsenen Herren bzw. die erwachsenen Damen - achtzehn Jahre ist man hier gewöhnlich mit vierzehn Jahren - in das Sanktuarium eintreten, wo die Chromoplastiken in natürlicher Größe all das zeigen, was man im Konversationslexikon nur schwer begreifen vermochte und worüber das Leben nur fallweise aufklärt.
Es ist alles echt oder lebenswahr, leibhaftige Fötusse, die Entwicklung des Menschen von der Befruchtung bis zur Normal-, Steiß- oder Zangengeburt, Perforation oder Kaiserschnitt; Organe und so weiter – alles bis aufs Haar genau und im Katalog noch genauer erklärt. Mit Recht ist in der Rubrik „Weibliche Geschlechtskrankheiten“ als erstes Schauobjekt das Hymen oder Jungfrauenhäutchen angeführt, denn von allen besagten Krankheiten ist diese am raschesten heilbar. Sie ist selten, und man bestaunt das Objekt sehr. Allzulange aber nicht, denn nur ein Viertelstündchen darfst du weilen, draußen scharrt schon das andere Geschlecht.
Die Linden-Passage hat ihr unverrückbares Stammpublikum, keine Straße besitzt so viele Freunde und so geschlossenen Verehrerkreis. Und von denen, die der Passage Freunde sind, lieben einige das Panoptikum heiß und treu; unter diesen sind Fanatiker des Anatomischen Museums und von diesen wiederum manche unbedingte Hörige der Geheimkammer, gebannt von irgendeiner Vitrine. Die ist demnach das Liebste der Auserlesenen – das Schönste also von Berlin. Was nämlich zu beweisen war.“
Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter. In: Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Berlin und Weimar 1978, S. 170-174
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Samstag, 11. Juli 2009

Damals, als ich ein Kind war, gab’s noch Zwerge


Titel eines Führeres von 1899, Sammlung Nagel 


1922 wurde Castans Panoptikum, seinerzeit eines der renommiertesten Wachsfigurenkabinette, geschlossen und die Exponate versteigert. Bieter der Figuren und Reliquien – „alles notariell beglaubigt“ - waren Antiquitätenhändler, Theaterausstatter, Liebhaber und nicht zuletzt Schaubudenbesitzer. Manch reisendes Panoptikum wird durch Castans Ende beträchtliche Aufwertung erfahren haben…
Paul Schlesinger schilderte in der Vossischen Zeitung vom 20.2.1922 seine Eindrücke von einem letzten Besuch am Vorabend der Versteigerung. Die Abschiedsvisite wird zu einem Trip in Erfahrungswelt der eigenen Kindheit:
Abschiedsvisite bei Castan
Nur auf diesem Wege anstandshalber die Mitteilung, dass ich Dir, lieber Castan, heute einen heimlichen Abschiedsbesuch gemacht habe. Mittwoch wird dein Panoptikum versteigert. Einmal wollte ich noch sehen, was eigentlich bei Dir los war.
Die Heimlichkeit war nicht sehr freiwillig. Ich ging rasch in den großen Restaurationssaal, in dem von Tischen, Stühlen, Waffen, Bildern ein ziemliches Durcheinander herrschte. Einen einsamen Herrn sah ich bei einem halben Glase Bier sitzen. Ich ging nur zwei Schritte auf ihn zu – dann erkannte ich: das ist immer noch der gleiche Herr aus Wachs, der seit meiner Kindheit Tagen an dem Tische saß und von so vielen Provinzlern angesprochen wurde: wieviel Uhr es denn sei – oder so. Das Widersehen mit mir ging nicht ohne Erschütterung vor sich. Damals war der einsame Herr viel älter als ich. Heut, nach mehr als 30 Jahren, bin ich etwas älter als er – oder viel viel älter.
(…) Auf der Treppe las ich die Worte: ´Zur Schreckenskammer`. Schon zwängte sich aus vergittertem Fenster ein Sträfling zur Flucht. Mein Herz stand still. An die Schreckenskammer hatte ich nicht gedacht. Nichts hatte ich als Kind mehr gefürchtet als diese Treppe, und nie hatte ich sie betreten. Und jetzt wollte ich so einfach weil die Herren gerade oben seien – so geschäftsmäßig kühl da hinaufgehen? Ich musste mich zusammennehmen. Ich stieg hinauf, ich trat ein. Die Herren waren gar nicht da, aber etwas anderes, Fürchterliches stürzte auf mich. Das entsetzliche schweigsame Alleinsein mit 50 wächsernen Mördern und Mörderinnen. Sie standen herum, ihre abgeschlagenen Häupter hingen an den Wänden. Folterinstrumente, Beile, schreiende Menschen, gemartert von der erfinderischen Justiz aller Jahrhunderte – und ich allein, wieder das gequälte Kind, das unten an der Treppe wartete, während die älteren Geschwister so ruhig hinaufgegangen waren – fort, nur fort.
Ich stolperte die Treppe hinunter. Erst vor Dornröschen beruhigte ich mich. Nun bewegte der Elektromotor nicht mehr ihren Busen, der früher so regelmäßig auf und nieder ging. Dann kam ich zu den Riesen, deren Namen ich früher so genau kannte, und die ich nun alle vergessen habe. Und daneben stand immer noch Herr Ulpts, der Zwerg, den ich doch lebendig gekannt hatte. Damals, als ich ein Kind war, gab’s noch Zwerge. Ich trete an einen vergitterten Balkon, und ich sehe hinab in den berühmten Kaisersaal, in dieses feierlich tote Gewimmel von wächsernen Gestalten! War hier nicht einst die Kaiserproklamation nachgebildet? Die beiden Gardes-du-Corps in rotem Wams stehen immer noch zu Füßen des Podiums. Aber dann, das weiß ich auch noch, stand Wilhelm II. vor dem Thronsessel. Er ist nicht mehr da; an seiner Stelle sitzt, grausig puppenhaft von Hermelin umflossen, Friedrich der Große, König von Preußen – den letzten hat der erste abgelöst. Links von ihm erkenne ich eine feldgraue Gruppe: Hindenburg und Ludendorff.
Mir ist, als hätte wer geseufzt. Ich blicke auf: Dort drüben ist noch ein Balkon, über ihn lehnt sich eine dunkle, schlanke Dame. Hat sie geseufzt? Aber nein, sie ist ja aus Wachs und wartet nur, dass sie unter den Hammer kommt.
Es zieht mich hinunter in den Saal der prunkenden Uniformen. Bismarck, Moltke, Prinz Friedrich Karl – sie haben ihre stolze, ablehnende Haltung mir gegenüber seit 30 Jahren bewahrt. Da Kaiser Friedrich, daneben an der Wand doch noch Wilhelm II. Kein Lüftchen bewegt seinen Federbusch. Welch wächserne, gläserne Oede in dieser Fürstengruft! Eine Bewegung, eine einzige, und es müsste klirren von Orden, Ketten, Waffen. Nichts. Nur ich – lebe. Eigentlich sind sie alle wehrlos, auch Sie, Herr Poincaré, mit dem Ordensband, und ihre britische Majestät…
Und Goethe, Schiller, Wagner, Rubinstein – musste das sein? Hat das sein müssen, lieber Castan? Da steht auch Ebert neben Scheidemann.Weiß Gott, niemals war ich so überzeugt vom Vorzug der Unberühmtheit.
Da –ich lache hell auf! Ihr seid noch alle da, ihr geliebten Vexierspiegel? Wer kann das widerstehen? Ich will ganz allein über mich lachen. Ich mache mich ganz dick und ich zerfließe in die Breite. Ich schneide eine Grimasse – ha, mein Mund reicht von Paris nach Petersburg. Und nun ganz dünn. Ich will doch probieren, ob ich so aussehen kann, wie ich eigentlich aussehen möchte – so ist es gut. So ungefähr. Das sit mein seelisches Format. Wnn ich mich so photographieren lassen könnte … ich dreh’ mich nur halb – was ist das? Mein Bauch ist gewölbt, geschwollen, ein Ballon – ich lache laut – mich erschreckt mein eigenes Lachen.
Fort – hinaus. Adjö, lieber Castan. Hinaus auf die graue, trübe Friedrichstraße. Sie ist verwahrlost, im Straßenschmutz liegen Bettler, an den Ecken schreien die Händler. Jawohl – wir haben den Krieg verloren; aber wir sind nicht aus Wachs, wir leben.
Zusammenfassend, lieber Castan: Als ich ein Kind war, hast Du mir wohl Spaß gemacht. Heute warst du ein schwerer, furchtbarer Traum. Und ich weiß nicht, welcher deiner Säle keine Schreckenskammer war. Und nun ziehe in Frieden. Ich weiß, deine Lebensarbeit ist nicht tot. Deine Puppen werden nicht zerschlagen, nur versteigert. Sie werden sich da oder dort auftun, und das Volk wird staunen, und die Kinder werden gaffen und sich fürchten. Aber ich bin von dir erlöst – für den Rest meiner Tage.“

Paul Schlesinger („Sling“): Abschiedvisite bei Castans. In Vossische Zeitung vom 20.2.1922, zit. n. Angelika Friederici: Castans Panopticum. Ein Medium wird besichtigt. Heft F1 – Castans Könige im Ramsch. Berlin 2008

Donnerstag, 5. März 2009

Den Kaisersaal schenkte man sich

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„Saal der Mörder“ - Abbildung aus: Goscinny/ Tabary: Das Wachsfigurenkabinett. 
In Band 15 der Abenteuer des Kalifen Harun al Pussah: Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen, S.25
                                                
In seinen sehr lesenswerten Lebenserinnerungen schildert der großartige Komponist wunderbarer Chansons und Filmmusiken Friedrich Hollaender (Lieder eines armen Mädchens, Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre, Wenn ich mir was wünschen dürfte, …) Eindrücke seiner Besuche in einer Berliner Institution: Castans Panoptikum. Die Schwerpunkte seines Interesses werden mit denen vieler anderer Besucher übereingestimmt haben:

„Castans Panoptikum! In der Vitrine davor, zum Anlocken: die wächserne Schläferin, deren Busen sich hob und senkte. Später dann, wenn man das Treppenhaus betrat und sein Billett dem Kontrolleur zum Lochen vorwies, war der auch aus Wachs! Aber der zweite, an dem man vorbeiging, weil er ebenfalls aus Wachs war, der sagte: ‚Warten Se mal, Mäneken!’ Den Kaisersaal schenkte man sich. Auch den Märchensaal, obwohl die Aschenbrödeltauben nach Einwurf von zehn Pfennigen sehr emsig pickten. Aber nachdem man’s dreimal gesehen hatte, pickten sie einem zu emsig.
Zur ‚anatomischen Abteilung’ kam man immer wenn gerade Besuchszeit für die andere Hälfte der Menschheit war. Na, auch nichts verloren! Dabei waren es gute Plastiken. Aus dem Leben gegriffen, möchte man sagen.
Dafür war die Schreckenskammer jederzeit geöffnet. Haarmann mit dem Hackebeil, Giftmariechen mit dem Silberblick, der schiefe Otto mit der Würgehand. Wie schön! Und vor allem das Guckloch in die Hölle, in der nackte Damen ein Rasiermesser hinunterritten. Alles in Bewegung, für einen Groschen. Nebenan waren die Politischen: Iwan der Schreckliche, Luccheni, der Mörder der schönen Kaiserin Elisabeth. Ob sie den Herrn aus dem Münchner Bürgerbräu auch einmal ausstellen werden? Wie ich meine Deutschen kenne, werden sie ihn eines Tages dahin verfrachten. Und eines Tages werden sie ihn wieder herausholen.”
Verfolgt von Glasaugen, Flachshaar und Wachsgrübchen, glaubte man den lebendigen Kopien auf der Straße keinen Atemzug. Dem Herrn, zum Beispiel, der sich vor dem nächsten Schaufenster, einem Elektrogeschäft, so übertrieben den Hals verrenkte, hatte bestimmt jemand 10 Pfennige in den Schlitz geworfen.“

Friedrich Hollaender: Von Kopf bis Fuß. Revue meines Lebens. Berlin 2001, S.132f
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Sonntag, 16. November 2008

Eine höchst wunderliche Generalversammlung menschlicher Zustände


anatomisches Wachspräparat (Detail), Sammlung Nagel 

Gottfried Keller (1819-1890) skizziert in seinem Tagebucheintrag vom 1. Mai 1848 ein Bild des Jahrmarkts um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Künstler und „Besitzer von Merkwürdigkeiten“ werben vor ihren grell bemalten Schaubuden um das Publikum.

Das eine besondere morbide, beklemmende Atmosphäre ausstrahlende Wachsfigurenkabinett beinhaltet neben Wachsfiguren bereits „anatomisch-patholgische“ Ausstellungsstücke sowie Feuchtpräparate „in einer langen Reihe von Gläsern“.
Moulagen (krankhafter) Körperteile und Organe sowie verschiedene in Paraffin oder Spiritus konservierte Präparate zählten im 19. Jahrhundert zunehmend zum festen Bestand der Panoptiken und trugen nicht unwesentlich zu der schaurigen Wirkung bei.
In erster Linie wurde hiermit natürlich auf einfache Schaugelüste abgezielt. Vordergründig vertraten die Schausteller mit ihren „wissenschaftlichen“ Ausstellungen hingegen den Anspruch der Volksaufklärung bzw. –belehrung.
  
„Am Abend des 1. Mai 1848 
(…)
Ich ging in die Stadt, wo Jahrmarkt war. Es war viel Volk hereingekommen und trieb sich emsig herum, doch war sein Verkehr mehr scheinbar; denn alles klagte über den großen Geldmangel und die schlimme Zeit. Am fröhlichsten waren die jungen Soldaten, welche in ihren neuen Uniformen der Not und der Bestürzung des Tages vergaßen und singend umherzogen. Wann werden die Frühlinge nahen, wo diese blutroten Menschenblumen nicht mehr jedesmal mit den tausend andern Blumen hervorkriechen und ihre unheilvolle Pracht an der Sonne spiegeln?
Am meisten niedergeschlagen waren die Künstler und die Besitzer von Merkwürdigkeiten, weil fast niemand um ihre Produktionen sich bekümmern mochte. Da standen sie in ihren traurigen bunten Jacken vor den Buden und stießen unsicher und klagend in die schadhaften Trompeten, daß einem die Tränen in die Augen traten. Weil das Volk kein Geld hatte, so spottete es zum erstenmal über diese Herrlichkeiten, welche es sonst bewunderte, und die Gaukler standen scheu und schlotternd vor ihren gemalten Wundern.
Ich trat in ein Wachskabinett; die Gesellschaft der Potentaten sah sehr liederlich und vernachlässigt aus, es war eine erschreckende Einsamkeit, und ich eilte durch sie hin in einen abgeschlossenen Raum, wo eine anatomische Sammlung zu sehen war. Da fand man fast alle Teile des menschlichen Körpers künstlich in Wachs nachgebildet, die meisten in kranken, schreckbaren Zuständen, eine höchst wunderliche Generalversammlung von menschlichen Zuständen, welche eine Adresse an den Schöpfer zu beraten schien. Ein ungeheuer großes Herz, welches seinen Eigner getötet hatte, führte das Präsidium, und ein sehr schön ausgebildeter Magenkrebs schien der Sekretär oder Schriftführer zu sein. Ein ansehnlicher Teil der ehrenwerten Gesellschaft bestand aus einer langen Reihe Gläser, welche vom kleinsten Embryo an bis zum fertigen Fötus die Gestalten des angehenden Menschen enthielten. Diese waren nicht aus Wachs, sondern Naturgewächs und saßen im Weingeist in sehr tiefsinnigen Positionen. Diese Nachdenklichkeit fiel um so mehr auf, als diese Burschen  eigentlich die hoffnungsvolle Jugend der Versammlung vorstellten. Plötzlich aber fing in der Seiltänzerhütte nebenan, welche nur durch eine dünne Bretterwand abgeschieden war, eine laute Musik mit Trommel und Zimbeln zu spielen an, das Seil wurde getreten, die Wand erzitterte, und dahin war die stille Aufmerksamkeit der kleinen Personen, sie begannen zu zittern und zu tanzen nach dem Takte der wilden Polka, die drüben erklang; das große Herz mochte noch so geschwollen aussehen, der Magenkrebs noch so rot werden vor Ärger, es trat Anarchie ein, und ich glaube nicht, daß die Adresse zustande kam. Die einzige Merkwürdigkeit des Marktes, welche einigen Zuspruch erhielt, war ein Rhinozeros. Das Schicksal dieser antediluvianischen Bestie ist eng mit dem Fall des Königtums in Frankreich verknüpft, indem sie für den Jardin des plantes in Paris bestellt, aber von der provisorischen Regierung wieder abbestellt wurde, weil man dort jetzt das Geld sonst brauche. Heimatlos irrt das altmodische Tier nun in der Schweiz umher, doch ist es nicht brotlos, da seine Seltsamkeit und sein Horn auf der Nase ihm ein hinlängliches Auskommen sichern. Wohl jedem, der in diesen Zeiten etwas Rechtes gelernt hat!“

Gottfried Keller: Das Tagebuch und das Traumbuch. (1847/48). 2. Aufl. Klosterberg, Basel 1945, S.93f
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Sonntag, 9. November 2008

In Wachs modellierte Fünfkreuzer-Romane


 um 1910, Sammlung Nagel
                                                        
Das vielgestaltige Oeuvre des österreichischen Schriftstellers Felix Salten (1869-1945) reicht von der Tiererzählung „Bambi“ bis hin zum Roman „Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne“, dessen Autor er höchstwahrscheinlich ist. In seinem Essay „Wurstelprater  beschreibt er ebenso atmosphärisch-dicht wie ungeschminkt das Treiben in den Buden und Lokalen dieses bekannten Vergnügungsparks.

Das Kapitel „Panoptikum“  bezieht sich offensichtlich auf  Präuschers Panopticum auf dem Pratergelände, auch wenn dieser Name nicht erwähnt wird.

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Wie auch in Saltens Text deutlich wird, zählte Präuschers Panopticum zu den zahlreichen Vertretern seiner Art, die mit verschiedensten skurrilen, frivolen, makabren, grausigen oder auch abstoßenden Exponaten auf einfache Schaugelüste abzielten. Neben den üblichen Objekten wie Prominente, pikante Szenerien, Moulagen, Verbrecher, Abnormitäten und Feuchtpräparate zeigte er zwischenzeitlich u.a. das Stopfpräparat des „Haarweibs“ Julia Pastrana.  
Hermann Präuscher war ein Schausteller reinsten Wassers. 1864 als Raubtierdompteur in den Wiener Prater gekommen, gründete er 1871 eine Kuriositätenshow mit einer von seinem Vater, einem Menageriebesitzer, geerbten Sammlung von tierischen Präparaten, Wachsfiguren und anatomischen Präparaten. Die Schau wuchs schnell zu einem weithin bekannten Panoptikum an, wobei es Präuscher in besonderer Weise verstand, seinem Publikum belanglose Alltagsgegenstände als bedeutende „Reliquien“ zu präsentieren. So zeigte er zum Beispiel einen Koffer des Raubmörders Johann Szimitz, in dem dieser die Leiche eines Opfers aufbewahrt hatte und „neben dem er sechs Wochen schlief“. Selbstverständlich hatte er für jedes seiner makabren Exponate „Beglaubigungsschreiben“ von Experten und Staatsanwaltschaften, die für deren Echtheit bürgten…
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Unter den Ausstellungsobjekten, die Salten explizit erwähnt, ist der „Panoptikums-Klassiker“ „Gorilla raubt Farmerstochter“, bei Präuscher „Gorilla, ein weißes Mädchen raubend“ (Katalognummer 75).
Im 19. Jahrhundert hielten sich hartnäckig Gerüchte über Gorillas, die „Negerfrauen“ raubten. Entsprechende Szenerien wurden auch in Wachsfiguren gezeigt. Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich ein Bericht, wonach in der Provinz Transvaal die in einem Waldsee badende 18-jährige Tochter eines Plantagenbesitzers von einem Gorilla geraubt und bei Befreiungsversuchen durch Eingeborene von dem Tier erdrückt worden sei.
Auch wenn Geschichten um Frauen raubende Gorillas jeglicher Grundlage entbehrten, so fand diese Variation des alten „Die Schöne und das Biest“–Themas weite Verbreitung – bis hin zu der bei Salten erwähnten und von einigen Wachsbildhauern nachgeahmten Skulptur von Emmanuel Fremiet (1824-1910) oder dem Kinoklassiker „King Kong und die weiße Frau“.    


Holzstich nach Freimets Skulptur, Ende 19. Jh.
Sammlung Nagel
(Quellen: Ausstellungsführer verschiedener Panoptiken; www.schaubuden.de; Wolfgang Regal/ Michael Nanut: Das Panopticum und Menschenmuseum des Hermann Präuscher im Prater. In: Ärzte Woche, 20. Jahrgang Nr.49, 2006)
    
„Die Leute, die sich gerne in die Nähe der Berühmtheiten drängen, die schon zeitlich morgens aufstehen und zum Bahnhof zu laufen, wenn der deutsche Kaiser nach Wien kommt, alle, welche große Männer um Photographie und Autogramm anbetteln, dann jene, die den Gerichtssaal und die Berichte über den neusten Raubmord voll Begierde verschlingen, und noch die vielen anderen, die mit stumpfen Organen die Kunst begaffen und betasten, müssen gerne hierher gehen.
Denn es ist gerade im Panoptikum alles, was die Menge braucht. Jenes widerwärtige Gemisch, das als Surrogat des echten Lebens von allen genossen wird, und das alle verblödet. Die großen Männer in ihren Hausröcken oder in typischer Gala; die blutigen Verbrecher, ihre Einrichtung, ihre Mordwerkzeuge, ihre Schuhe – alles mit der Genauigkeit sensationeller Zeitungsartikel – und eine ordinäre Kunst, deren bunte Lappen jeder greifen kann. Da stehen Goethe und Schiller in staubigen Röcken, Voltaire mit schmutzigem Jabot, Richard Wagner in hellen Beinkleidern, die auf der Mariahilfer gekauft wurden, Moltke und Bismarck in voller Uniform, blitzende Blechorden auf der mit Sägespänen gefüllten Brust, Prinz Eugen, Andreas Hofer und Radetzky – und die Leute stellen sich vor ihnen auf, schauen ihnen ins Gesicht; sie können sich einbilden, es sei ein bedeutender Moment, und sie ständen jetzt diesem oder jenem Helden gegenüber. Dort wieder ist Otto Schenk, Schlossarek, das Ehepaar Schneider, Francesconi, in Wachs modellierte Fünfkreuzer-Romane.
Dann sieht man gestellte Bilder nach Munkacsy, und an den Wachspuppen merkt man erst, wie opernhaft gruppiert diese Bilder sind, wie unmoralisch sie sind, dass man sie aus den Rahmen nehmen und ausstopfen könnte. Invaliden von Friedländer, die aussehen, als säßen sie Modell, feiste Mönche von Grüßner, `dralle´ Diarndln von Schmidt, zuckersüße Nymphen von Thumann. Auch der herrliche `Frauenraub´ von Fremiet ist da, aber der steinerne Gorilla hat hier ein wirkliches Fell, er bewegt das Maul, und das Weib, das er hält, hat einen Körper wie Rosa-Seife. Den `Verurteilten´, die Invaliden, die Mönche, die Diarndln und die Nymphen mag man dem Panoptikum lassen, den Fremiet sollte man konfiszieren.
Das Licht des verdämmernden Nachmittags fällt in den weiten Raum auf all die Figuren, die mit starren, toten Gebärden dastehen in verschlissener, schäbig gewordener Pracht. Es ist, als wären schon hundert Jahre vorbei, und alles, was die Welt bewegte, stände hier wie morsches Gerümpel in einer Scheuer beisammen – Bismarck und Moltke und Richard Wagner und Munkascy und Hugo Schenk.“

Felix Salten: Wurstelprater. Wien 1911, S.62-64 
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Freitag, 31. Oktober 2008

Mrs. Jarleys unvergleichliche Wachsfigurenschau

Abbildung aus der Erstausgabe von Charles Dickens The Old Curiosity Shop (1841)


Das Werk von Charles Dickens gibt zahlreiche Einblicke in die Lebensumstände des einfachen Volks in England um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Vergnügungen dieser Schichten bleiben dabei nicht unbeachtet – und ein wichtiger Teil der volkstümlichen Unterhaltungskultur waren die reisenden Schausteller.

Eine der skurrilen Figuren ist „Doktor Marigold“ in Dickens’ gleichnamiger Erzählung. Marigold ist ein fahrender Händler, der vom Trittbrett seines Wagens in höchst origineller Weise sein Publikum unterhält. Er macht u.a. Bekanntschaft mit dem auf Jahrmärkten zur Schau gestellten gutmütigen, aber schwerfälligen Riesen „Pickleson“.

Besonders aufschlussreich ist die Dickens Schilderung des Greenwicher Markts mit seinen zahlreichen Schaustellungen, wobei er in seiner liebenswert-ironischen Art auf ein ambulantes Vergnügungslokal, eine Menagerie und ein Jahrmarktstheater genauer eingeht.

Auch die kleine Nelly im Roman „Der Raritätenladen“ kommt mit der Welt der reisenden Unterhaltungskünstler in Berührung. Hierbei findet sie zwischenzeitlich Anstellung in Mrs. Jarleys Wachsfigurenschau.

Mrs. Jarley, „eine christliche Dame, rundlich und gemütlich anzusehen, die einen großen Hut mit wippenden Schleifen trug“, gehört zur „Schaustelleraristokratie“. Sie muss nicht in Scheunen oder bestenfalls drittklassigen Gasthöfen übernachten, Mrs. Jarley logiert in einem luxuriösen Reisewagen. Außerdem rühmt sie sich, ihre Wachsfiguren nicht in einer Schaubude, sondern in gemieteten Räumlichkeiten auszustellen.

Die genauen, augenzwinkernden Beschreibungen des Etablissements einschließlich vieler genretypischer Werbemethoden lassen darauf schließen, dass Charles Dickens solche Schaustellungen sehr gut gekannt hat. Das Vorbild für Mrs. Jarley soll dabei Madame Tussaud gewesen sein.


„(…) „Da, mein Kind“, sagte sie, lies das!“

Nelly ging daran entlang und las laut, war mit riesigen schwarzen Buchstaben darauf stand: „JARLEYS WACHSFIGUREN.“

„Lies es noch einmal“, sagte die Dame freundlich,

„Jarleys Wachsfiguren“, wiederholte Nelly.

„Das bin ich“, sagte die Dame. „Ich bin Mrs. Jarley.“

Sie sah das Kind ermutigend an, um es zu versichern und wissen zu lassen, dass es, obwohl es da in Gegenwart der wirklichen Mrs. Jarley stand, nicht gänzlich überwältigt und benommen zu sein brauchte. Dann entfaltete sie eine zweite Rolle mit der Inschrift: „Einhundert Figuren in voller Lebensgröße“, und endlich mehrere kleinere Rollen mit „Ausstellung hier!“, „Echte und einzige JARLEY“, „Jarleys unvergleichliche Sammlung“, Jarley ist das Entzücken des Adels und der vornehmen Welt“ und „Die königliche Familie ist Jarleys Gönnerin“. Als sie diese Ungeheuer öffentlicher Reklame dem erstaunten Kind gezeigt hatte, kamen kleinere Spielarten in Gestalt von gedruckten Zetteln zum Vorschein – einige davon waren Parodien beliebter Schlager (…), während andere, um jedem Geschmack zu genügen, für leichtere und witzigere Gemüter zusammengereimt waren, wie die Parodie auf „Wenn ich einen Esel hätte“, die mit den Zeilen begann:

„Hätt ich einen Esel schlau,

Lief ich flugs zu Jarleys Schau.

Nimmer weiter würd er gehen,

Ohne Jarleys Schau zu sehen …“

Dazu kamen einige Stücke in Prosa: ein Dialog zwischen dem Kaiser von China und einer Auster, ein anderer zwischen dem Erzbischof von Canterbury und einem Ungläubigen über die Kirchensteuer und andere mehr, alle mit demselben Rat: dass jeder sich eiligst zu Jarleys Wachsfigurenschau zu begeben habe und dass Dienstboten und Kinder nur die Hälfte zu zahlen hätten. Nachdem Mrs. Jarley all diese Beweise ihrer wichtigen gesellschaftlichen Position herangezogen hatte, um ihre junge Gefährtin zu beeindrucken, rollte sie sie wieder auf, verstaute sie sorgsam, setzte sich wieder und blickte das Kind triumphierend an.

„Daß du dich nie mehr in die Gesellschaft eines schmutzigen Punchs begibst, nachdem du dies gesehen hast!“ sagte sie.

„Ich habe noch niemals Wachsfiguren gesehen, Madam“, sagte Nell. „Sind sie noch lustiger als der Punch?“

„Lustiger?“ wiederholte Mrs. Jarey mit schriller Stimme. „Lustig sind sie überhaupt nicht.“

„Oh!“ sagte Nell mit aller denkbaren Ehrfurcht.

„Lustig sind sie überhaupt nicht“, wiederholte Mrs. Jarley. „Sie sind ruhig und – wie heißt das Wort doch – kritisch? - nein – klassisch, das sind sie: ruhig und klassisch. Es gibt keine Rüpel- und Prügelszenen, keine Späße und kein Gequieke wie bei deinem lieben Pusch; die Schau ist immer dieselbe, stets und ständig etwas Kühles, Vornehmes – und die Figuren sind so lebenswahr, dass du kaum einen Unterschied erkennen würdest, wenn sie sprächen und herumliefen. Ich will nicht so weit gehen, zu behaupten, dass ich Wachsfiguren gesehen habe, die vollkommener als das Leben sind, aber ich habe sicherlich manches im Leben gesehen, das genauso war wie eine Wachsfigur!“ (…)

„Wenn ihr wirklich geneigt seit, Euch ebenfalls zu beschäftigen, so gäbe es reichlich für Euch zu tun. Ihr könntet helfen die Figuren abzustauben, könntet kassieren und so weiter. Die Arbeit Eurer Enkelin bestünde darin, dass sie sie dem Publikum vorführt und erklärt. (…) Das ist kein alltägliches Angebot, bedenkt das wohl“, sagte die Dame und verfiel allmählich in den Ton, mit dem sie ihre Besucher anzureden pflegte. „Es handelt sich um Jarleys Wachsfigurenschau, vergesst das nicht! Die Arbeit ist leicht und angenehm, die Gesellschaft erlesen, die Ausstellungen finden in Versammlungsräumen statt, in Gemeindesälen, Stadthallen, großen Gasthaussälen oder Auktionsgalerien. Bedenkt, bei Jarley gibt es kein Herumstromern im Freien, keine Zeltleinwand, keine Sägespäne – vergesst das nicht! Jede Erwartung, die wir durch unsere Zettel wecken, wird bis zum äußersten erfüllt, und das Ganze ergibt eine Wirkung von imponierender Pracht, wie sie in unserm Königreich nicht ihresgleichen hat. Und denkt daran, dass der Eintrittspreis nur sechs Pence beträgt und dass dies eine Gelegenheit ist, die Euch vielleicht nie wieder geboten wird!“

Als sie diesen Punkt erreicht hatte, stieg sie von der Höhe ihres Pathos herab und wendete sich den Einzelheiten des gewöhnlichen Lebens zu; im Hinblick auf das Salär bemerkte sie, sie könne sich zu keiner festen Summe verpflichten, ehe sie Nells Fähigkeiten genugsam erprobt und sie bei der Erfüllung ihrer Aufgaben genau beobachtet habe. Aber sie verpflichte sich bereits, ihnen Wohnung und Verpflegung für Nell und ihren Großvater zu liefern, und darüber hinaus verpfände sie ihr Wort, dass die Verpflegung in Qualität und Quantität reichlich bemessen sein würde.“ (…)

Inzwischen polterte der Wagen weiter, als hätte auch er starkes Bier getrunken und wäre nun schläfrig, und endlich kam er auf die gepflasterten Straßen einer Stadt, die frei von Fußgängern und sehr ruhig waren, da es bereits auf Mitternacht ging und die Stadtbewohner sich längst zur Ruhe gelegt hatten. Es war zu spät, um sich in den Ausstellungsraum zu begeben, und so fuhren sie ein Stück abseits auf ein leeres Grundstück, das gerade noch innerhalb der Stadtmauern lag, und richteten sich dort für die Nacht ein, neben einem anderen Wagen, der zwar auf dem Aushängeschild den großen Namen Jarley trug und die Wachsfiguren, die des Landes Stolz waren, von Stadt zu Stadt brachte, aber dessen ungeachtet von einem niedrigdenkenden Stempelamt einfach als „gewöhnlicher Lastwagen“ bezeichnet und sogar nummeriert worden war – Nummer 7565 -, als wäre seine kostbare Fracht weiter nichts als Kohlen oder Mehl! (…)

Der Wagen rumpelte mit höchst unerwünschtem Lärm vorwärts und hielt endlich auf dem Platz, wo die Ausstellung stattfinden sollte; Nelly stieg inmitten einer Gruppe Kinder aus – offenbar hielten sie sie für einen wichtigen Bestandteil der Sehenswürdigkeiten und glaubten fest, dass der Großvater eine täuschend echte Wachsfigur sei. (…)

Alle gingen an die Arbeit, ohne Zeit zu verlieren, und waren sehr rührig. Da die wunderbare Sammlung noch mit Tüchern verhüllt war, damit der neidische Staub nicht den Teint der Gesichter verderbe, bemühte sich Nell, bei der Schmückung des Raumes zu helfen, (…).

Nachdem alle Dekorationen so geschmackvoll wie möglich angebracht waren, wurde die erstaunliche Sammlung enthüllt und auf einer erhöhten Plattform aufgestellt, die etwa zwei Fuß vom Boden rings um den Raum lief; ein rotes Seil in Brusthöhe trennte sie von der derben Masse. Da standen nun allerlei lebensechte Nachbildungen berühmter Leute, einzeln und in Gruppen, in den glitzernden Kleidern verschiedener Zonen und Zeiten; mehr oder weniger unsicher auf ihren Beinen, die Augen weit offen, die Nasenflügel gebläht, mit stark ausgeprägten Arm- und Beinmuskeln, und all diese Gesichter drückten großes Erstaunen aus. Die Herren hatten hochgewölbte Taubenbrüste und waren ganz bläulich um die Bärte; die Damen hatten prächtige Gestalten, und sowohl die Herren wie die Damen blickten eindringlich ins Nichts und starrten mit ungewöhnlichem Ernst nirgendshin.

Als Nells erstes Entzücken über diese prachtvolle Schau gelegt hatte, befahl Mrs. Jarley, dass alle außer ihr selbst den Raum zu verlassen hätten; dann setzte sie sich in die Mitte in einen Armsessel, belehnte Nell in aller Form mit einem Weidenstab, den sie selbst lange gebraucht hatte, wenn sie die Figuren erklärte, und belehrte sie sehr sorgfältig über ihre zukünftigen Pflichten.

„Dies“, sagte Mrs. Jarley mit ihrer Vorführstimme, als Nell eine Gestalt am Rande der Plattform mit ihrem Stab berührte, „ist eine unglückliche Hofdame zur Zeit der Königin Elisabeth, die an einem Nadelstich in den Finger starb, weil sie an einem Sonntag gearbeitet hatte. Man beachte das Blut, das aus ihrem Finger tröpfelt, sowie die Nadel mit dem goldenen Öhr jener Periode, mit der sie arbeitet.“

Dies alles wiederholte Nell mehrmals und wies rechtzeitig auf den Finger und das Nadelöhr, dann gingen sie zur nächsten Figur über.

„Dies, meine Damen und Herren“, sagte Mrs. Jarley, „ist Jasper Packlemerton unseligen Angedenkens, der vierzehn Frauen umwarb und ehelichte und alle vernichtete, indem er ihre Fußsohlen kitzelte, wenn sie im Bewusstsein ihrer Unschuld und Tugend schlummerten. Als man ihn aufs Schafott brachte und befragte, ob er seine Taten bereue, sagte er ja, er bereue, ihnen den Tod so leicht gemacht zu haben, und er hoffe, dass alle christlichen Ehemänner ihm dieses Unrecht vergäben. Seht dies als Warnung an für alle jungen Damen, dass sie es mit dem Charakter ihres Erwählten recht genau nehmen. Man beachte seine Finger, die bei der Tätigkeit des Kitzelns gekrümmt sind, und das verschmitzte Gesicht – so sah er aus, wenn er seine barbarischen Morde vollbrachte.“

Als Nell genau über Mr. Packlemerton Bescheid wusste und alles, ohne zu stocken, aufsagen konnte, ging Mrs. Jarley zu dem dicken, dem dünnen, dem langen und dem kleinen Mann über, sodann zu der alten Dame, die daran gestorben war, dass sie mit hundertzweiunddreißig Jahren noch tanzte, zu dem wilden Knaben aus dem Wald, der Frau, die vierzehn Familien mit ihren eingelegten Walnüssen vergiftete, und zu weiteren ebenso historischen wie interessanten Persönlichkeiten. Und Nell zog so viel Nutzen aus der Belehrung und lernte so schnell, dass sie, nachdem sie ein paar Stunden zusammen eingeschlossen gewesen waren, die Geschichte der ganzen Gesellschaft auswendig konnte und durchaus in der Lage war, die Besucher aufzuklären.

Mrs. Jarley zögerte nicht, ihre Bewunderung für dieses glückliche Ergebnis auszusprechen, und führte ihre junge Freundin und Schülerin herum, um die weiteren Innenarrangements zu betrachten, durch welche die Passage bereits in einen Hain aus grünem Tuch verwandelt war, in dem die Rollen mit den Inschriften hingen, die Nell bereits gesehen hatte (Erzeugnisse von Mr. Slum), und wo ein höchst dekorativer Tisch am oberen Ende aufgestellt war, an dem Mrs. Jarley präsidierte und das Geld einkassierte; in ihrer Gesellschaft befanden sich Seine Majestät Georg III., Mr. Grimaldi als Clown, Maria, Königin von Schottland, ein anonymer Herr in Quäkerkleidung und Mr. Pitt, der in seiner Hand eine genaue Nachbildung des Gesetzes zur Einführung der Fenstersteuer hielt. Auch die Vorbereitungen im Freien vor der Tür waren nicht vernachlässigt worden: eine höchst attraktive Nonne zählte auf dem kleinen Portiko die Perlen ihres Rosenkranzes; ein Brigant mit unglaublich schwarzem Haar und erstaunlich weißer Haut wurde zur gleichen Zeit auf einem zweirädrigen Wagen durch die Stadt gefahren; er betrachtete sinnend die Miniatur einer Dame, die er in der Hand hielt.

Nun waren nur noch die Dichtungen Mr. Slums gerecht zu verteilen; diese dichterischen Ergüsse sollten ihren Weg in alle Privathäuser und alle Läden finden; die Parodie auf den „Esel“ war auf die Schenken zu beschränken und durfte nur nicht bei den Schreibern der Advokaten und den erlesenen Geistern der Stadt zirkulieren. Als auch dies erledigt war und Mrs. Jarley die Schulen persönlich aufgesucht hatte – sie hatte speziell für diese gedruckte Zettel, in denen haarscharf bewiesen wurde, dass die Wachsfigurenschau den Geist verfeinere und die Sphäre menschlichen Verständnisses erweitere -, setzte sich die unermüdliche Dame zum Mittagsmahl nieder und trank aus der verdächtigen Flasche auf ein blühendes Geschäft. (…)

Oft war die Zuhörerschaft recht erlesener Art, und es gehörte eine ganze Anzahl von Mädchenpensionaten dazu, deren Gunst Mrs. Jarley sehr beflissen zu sichern suchte, indem sie das Gesicht und die Tracht von Mr. Grimaldi als Clown so abänderte, dass er Mr. Lindley Murray darstellte, und zwar so, wie er aussah, als er damit beschäftigt war, seine englische Grammatik zu verfassen, und indem sie ferner die berühmte Mörderin in Mrs. Hannah More umwandelte; die Ähnlichkeit der beiden Figuren wurde von Miss Monflathers bestätigt, welche Leiterin des größten Pensionats der Stadt war und sich herbeigelassen hatte, mit acht ausgewählten jungen Damen eine private Vorführung zu besuchen; sie fand die sprechende Ähnlichkeit geradezu aufregend in ihrer Genauigkeit. Maria, die Königin der Schotten, gab mit dunkler Perücke, weißem Hemdkragen und Männerkleidung ein so vollkommenes Bild von Lord Byron ab, dass die jungen Damen geradezu aufschrien, als sie es sahen. Miss Monflathers jedoch dämpfte diesen Enthusiasmus und nahm es zum Anlass, Mrs. Jarley dafür zu rügen, dass sie ihre Sammlung nicht exklusiver hielt, denn Seine Lordschaft vertrat gewisse Meinungen, die mit dem Ehrenkodex einer Wachsfigurenschau schlechterweg unvereinbar waren; sie fügte noch etwas über die hohe Geistlichkeit hinzu, was Mrs. Jarley nicht verstand. (…)

Nell erschrak sehr, als Mrs. Jarley eines Abends beim Heimkommen mitteilte, sie müssten eine Ankündigung vorbereiten, dass die prächtige Schausammlung nunmehr nur noch einen Tag an ihrem derzeitigen Platz verbleibe; dieser schrecklichen Drohung gemäß (denn alle Ankündigungen, die sich mit öffentlichen Vergnügungen befassen, sind, wie wohlbekannt, unwiderruflich einzuhalten) würde die wunderbare Ausstellung am nächsten Tage schließen.

„Verlassen wir dann sofort diese Stadt“ fragte Nell.

„Sieh her, mein Kind“, antwortete Mrs. Jarley, „ich werde dich genau darüber unterrichten.“ Bei diesen Worten zog Mrs. Jarley ein anderes Plakat hervor, auf dem geschrieben stand, dass infolge zahlreicher Nachfragen an der Wachsfigurenkasse und infolge der Enttäuschung des Publikums, das sich vergeblich vor der Tür gedrängt hatte, die Ausstellung um eine Woche verlängert und am nächsten Tage wieder geöffnet sein würde.

„Denn jetzt, da die Schulen nicht hier sind und die regelmäßigen Kunden erschöpft sind, kommen wir zur breiten Masse – und die muss ermuntert werden“, sagte Mrs. Jarley.

Am Mittag des folgenden Tages setzte sich Mrs. Jaley persönlich hinter den prächtig geschmückten Tisch, von den vorerwähnten Bildwerken unterstützt, und ließ die Türen weit öffnen, um das sachkundige und begeisterte Publikum einzulassen. Jedoch die Operationen dieses ersten Tages waren keineswegs erfolgreich, insofern als die „breite Masse“, obwohl sie großes Interesse an Mrs. Jarleys Person zeigte, durchaus nicht geneigt war, sechs Pence Eintrittsgeld pro Kopf zu bezahlen. Und so kam es, dass die Kassenverwaltung nicht reicher wurde und die Aussichten des Unternehmens nicht eben ermutigend waren, obwohl viele Leute den Eingang und die dort aufgestellten Figuren anstarrten, obwohl sie beharrlich dablieben, oft stundenlang, um der Drehorgel zuzuhören und die Plakate zu lesen, und wohlwollend genug waren, ihren Freunden zu empfehlen, sie sollten die Ausstellung gleichermaßen fördern – so dass schließlich der Eingang regelrecht blockiert war durch die halbe Bevölkerung der Stadt, die, wenn sie wieder an ihre Pflichten gehen musste, durch die andere Hälfte abgelöst wurde.

Bei diesem Tiefstand des Bildungsmarktes machte Mrs. Jarley außerordentliche Anstrengungen, um den öffentlichen Geschmack zu reizen und die Neugier der Massen zu steigern. Eine gewisse Maschinerie im Inneren der Nonne, die über der Tür postiert war, wurde geputzt und wieder in Gang gesetzt, so dass die Arme den ganzen Tag mit dem Kopf wackelte – zur größten Bewunderung eines betrunkenen aber sehr protestantischen Barbiers von gegenüber, der besagte paralytische Bewegung betrachtete, sie als typisch für die erniedrigende Wirkung der römischen Kirche auf den menschlichen Geist bezeichnete und sich über dieses Thema mit viel Beredsamkeit und Moral ausführlich erging. Die beiden Fuhrleute gingen ständig im Ausstellungsraum ein und aus, jedes Mal in verschiedener Verkleidung, sprachen sich laut darüber aus, dass diese Schau das Eintrittsgeld eher wert sei als alles, was sie je im Leben gesehen hätten, und beschworen die Umstehenden mit Tränen in den Augen, ein solches Gnadengeschenk nicht zu verschmähen. Mrs. Jarlay saß an der Kasse und klimperte von mittags bis abends mit Silbermünzen und ermahnte die Menge feierlich zu bedenken, dass der Eintritt nur sechs Pence koste und die Abreise der ganzen Schau zu einer kurzen Tournee zu allen gekrönten Häusern Europas tatsächlich für nächste Woche festgesetzt sei.

„Kommt, solange es Zeit ist’ sagte Mrs. Jarlay jedes Mal am Ende ihrer Rede. „Bedenkt, dass dies hier Jarlays herrliche Wachsfigurenschau mit über hundert Figuren ist, die einzige derartige Sammlung der Welt! Alle anderen sind Betrüger und Angeber! Also kommt, solange es Zeit ist, kommt, solange es Zeit ist!“

Charles Dickens: Der Raritätenladen (1841), dt. von Maria von Schweinitz. München 1962, S. 295-367

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Mittwoch, 8. Oktober 2008

Nja...


Karl Heidelbach: Dreierlei. Roboter, Puppen, Androiden. Witten, Märkisches Museum o.J., S.78 

In Wachsfigurenkabinetten wurden häufig mechanisch bewegliche Figuren gezeigt. Wenn sich die Brust eines Sterbenden auf und nieder bewegte oder eine Giftmörderin den Kopf umwandte und die Augen aufschlug, so verfehlte dies seine Wirkung auf die Besucher nicht. Enthielt ein solches Kabinett eine Vielzahl solcher Automaten, verschwammen die Grenzen zu einem Mechanischen Theater. Oskar Panizzas Erzählung „Das Wachsfigurenkabinett“ aus dem Jahr 1890 handelt von so einem mechanischen Theater beweglicher Figuren mit Köpfen aus Wachs:

 

Pour bien connaître les choses divines d'une religion, il faut se les figurer dans une forme tout-à-fait humaine.

Renan

Abendmahl

 Es war im alten Nürnberg. Ich war auf der Reise und hatte etwas Eile. Wir mochten um Anfang Oktober sein. Auf dem Marktplatz war ein großer Jahrmarkt aufgeschlagen, oder »Dult«, wie dort die Leute sagen. Es war schon gegen Abend und bei der vorgerückten Jahreszeit schon etwas dunkel. Trotzdem war der Verkehr zwischen den Buden noch ein ziemlich reger. Nach Abschluß meiner Geschäfte führte mich mein Weg über den Marktplatz, und ich war eben im Begriffe nach Hause zu gehen, als ich auf einer der Schaubuden, vor der im Gegensatz zu allen anderen zu meiner Verwunderung kein Ausschreier stand, die Überschrift las: »Leiden und Sterben unseres Heilandes Jesu Christi.« – Ich bin von Haus aus allen religiös-theatralischen Vorstellungen abgeneigt, und ich wollte mich mit Abscheu von der Idee abwenden, einen so heiligen Stoff mitten in diesem Jahrmarkts-Getriebe fest, plastisch oder beweglich, mit Draht- Puppen, gemalt, geformt, geschnitzt oder gar tragiert dargestellt zu sehen. Gleich drauf kamen aber in meinem Kopf Schlagwörter wie »Nürnberg,« – »Spielwaren,« – »Puppen,« – »Figuren auf Lebkuchen« zum Vorschein. Ich erinnerte mich des großen Rufes, den die Nürnberger Arbeiten der Art genießen, und mehr aus Interesse für den mechanischen Apparat, mehr aus Neugier für die Marionetten-Künste kehrte ich um und schritt auf die Bude zu. – »Leiden und Sterben unseres Heilandes Jesu Christi« – las ich noch einmal auf der gemalten Überschrift.

    Nur einzelne Leute standen vor der sehr primitiv gehaltenen Barake. Und diese gafften, wie das so Usus ist. Der Preis schien mir etwas höher als bei den andern künstlerischen Veranstaltungen. Ich trat ein. Ein segeltuch – überspannter, mit Lampen etwas düster beleuchteter Raum, in dem sich ein Dutzend Menschen beiderlei Geschlechts und aus allen Ständen des Volkes befand. »Sie kommen gerade recht«, – sprach mich der Budenbesitzer, der ein Sachse war, an – »soeben beginnt die Vorstellung.« Im Hintergrund der Bude, wohin Alles erwartungsvoll blickte, befand sich ein erhöhtes Gerüst, eine Art Bühne, die aber geschlossen war. Doch sah man an den durchschimmernden Lampen, daß sich dort etwas vorbereite. Und eben, als der Budenbesitzer die obigen Worte gesprochen hatte, ging der Vorhang auf, und Alles drängte nun vor bis zur Rampe.

    Auf einer Estrade, die einige Fuß über dem Erdboden erhaben, und ringsum mit Soffiten-Werk entsprechend verkleidet war, befand sich eine große Gruppe dunkler, steifer Gestalten, sitzend, bunt gekleidet, zum Teil mit höchst pathetischem Gesichtsausdruck, aber regungslos, die einen schief, die andern gerad, die dritten buckelig, glotzend, stierend, lächelnd, entrüstet, vor Wehmut zerfließend, wie es gerade der Moment oder der Schauspiel-Part erheischte, an einem Tisch zusammen vereinigt. Es war kein Zweifel, es sollte das die Abendmahlszene vorstellen. Das Arrangement war das wie auf dem bekannten Bilde von Leonardo da Vinci: Eine nach vorn offene, weiß gedeckte Tafel; die Brüche im Tischtuch von der Büglerin stark prononciert, damit das Tafeltuch als unzweifelhaft neu erscheint, wodurch der Begriff des Feierlichen erhöht wird. Die ganze hintere Front gegen den Zuschauer zu mit Jüngern und Christus in der Mitte dicht gepfropft besetzt, aber doch so, daß auf den zwei schmalen Seitenkanten noch zwei bis vier Jünger Platz nehmen, die ja das Publikum noch immer von der Seite sehen kann, und, damit auch die Tafel nicht zu lang werde. Meistens nimmt man zwei untergeordnete Apostel, den Bartholomäus oder jüngeren Jakobus, für diese Seitenkanten, da ja das Hauptinteresse sich doch der Mitte zuwendet, wo Christus sitzt; und gewöhnlich begnügt man sich ein paar gut-profilierte Köpfe, die in nicht zu schreienden Kaftanen stecken, hier an die Enden des Tisches zu placieren, damit das Publikum hier zwar einen wohlthuenden Abschluß finde, aber ja nicht mit der Aufmerksamkeit abgelenkt werde.

    Es ist klar, daß die späteren Apostel Paulus und Matthäus hier bei der Einsetzung des Abendmahls noch keine Verwendung finden können. Denn Paulus ist eigentlich Extraordinarius, hat mit der Zwölf-Zahl gar nichts zu thun, und hat so zu sagen auf eigene Verantwortung die Apostelgeschäfte ausgeübt, und Matthäus wurde an Stelle des später ausgeschiedenen Judas Ischariot gewählt. Dieser letztere ist aber hier noch von der größten Wichtigkeit, und wird, wie der Leser bald sehen wird, eine imposante, eine imponierende, Alles elektrisierende Rolle spielen. Die ganze Gesellschaft war durch sechs am Boden durch ein Brett gegen das Publikum hin gedeckte Lampen aufs grellste beleuchtet. In der Mitte Christus mit einer fein gearbeiteten, blonden Perrücke; er hat die größte Ähnlichkeit mit einem englischen Lord, wie man sie bei uns auf dem Theater in komischen Stücken darstellt; nur ganz bartlos; die gleiche blasierte Langweile auf dem regungslosen Gesicht; man erwartet jeden Moment, daß er den Mund zum Gähnen öffnet; der Blick, regungslos blau den Beschauer anstarrend, hat etwas Lammfrommes, Trauriges, Kindlich-Unbewußtes; der bleiche, glatte Unterkiefer ragt etwas zu weit vor, und fordert zu Vergleichen mit Repräsentanten aus dem Tierreich auf; der Wachsguß ist etwas zu fettig ausgefallen; man meint Christus schwitze Fett, was nicht zur Heiligkeit beiträgt. Vor ihm auf einem zinnernen Teller liegt ein Karpfe aus dem Bach Kidron; auf dem Tisch verteilt stehen in Glasschaalen Brode und einige Äpfel mit auffallend roten Backen. Christus streckt mit brünstiger Geberde die beiden lang-gefalteten Hände über den Fisch aus; doch ist es offenbar, er kann zu keiner Verteilung der Speisen, oder zu einem Brechen der Brode schreiten, denn beide Hände sind vorn an den Fingerspitzen zusammengepappt. – Das Publikum und ich waren beschäftigt, die einzelnen Gruppen und Persönlichkeiten in der Weise durchzumustern: und es herrschte eine lautlose Stille, als der Budenbesitzer plötzlich mit weinerlich-sächsischem Pathos laut die Worte in's Publikum rief: »Wahrlich, ich sage Euch, Einer unter Euch wird mich verraten!« – Nun ist es klar, daß diese Worte als aus dem Mund Christi hervorgehend gedacht waren. Sei es nun, daß der Sprach-Mechanismus dieser Hauptfigur nicht in Ordnung, oder durch vieljährigen Gebrauch ausgelaufen, oder daß er ihn gar niemals besessen, in jedem Falle konnte Christus die ihm zukommenden Worte nicht sprechen; er bekräftigte aber das eben Gehörte durch ein eigentümliches, norddeutsch klingendes und etwas schnarrendes »Nja!« –

    Dieses »Nja« war so sonderbar prononciert, daß ich es dem Leser etwas analysieren muß: zuerst kam ein schnurrendes Geräusch, dann hob sich die Oberlippe und zeigte zwei Reihen vortrefflich eingesetzter Zähne fest aufeinandergebissen; da die Holzpfeife, welche das schnurrende Geräusch hervorbrachte, ziemlich dicht hinter den Kiefern saß, so wurde der Ton jetzt bei geöffneten Lippen heller, hatte aber gleichzeitig einen gaumigen, holzigen Clarinettentimbre, der übrigens, wie ich glaube, beabsichtigt war; nun sprang der Unterkiefer auf, die Mundhöhle wurde sichtbar; die gleiche Feder, die dies bewirkte, mußte auch noch ein anderes Register öffnen, denn im gleichen Moment, und direkt anschließend an das schnurrende »N«, sprang ein helles, tönendes, frisches »ja!« heraus, welches insofern vortrefflich konstruiert war, als jetzt der Mund durch das etwas Offen-bleiben der Lippen einen zufriedenen, heiteren Ausdruck annahm, was doch mit dem bejahenden Charakter der Partikel »Ja!« durchaus im Einklang steht. – Nun kommen aber die Fehler hintennachgehinkt: Nachdem die Kiefer sich wieder geschlossen, blieb die Oberlippe viel zu lang oben, da Lippe und Kiefer getrennte Mechanismen hatten; die obere Zahnreihe mit ihren breiten, wie mit dem Meißel abgehackten Zähnen, gab dem ganzen Gesicht etwas peinlich Lustiges, etwas Lachendes; und als endlich die Oberlippe sich langsam herabsenkte, bekam der Mund einen solchen Ausdruck des Müden, des plötzlich Erstarrenden, Leichenähnlichen, wie ihn der Künstler gewiß nicht beabsichtigt hatte.

    Gleichzeitig mit dem »Nja!« aber begann Christus Kopf und Arme ruckweise in die Höhe zu heben und die wächsernen Hände wie segnend über den Karpfen vor ihm auszustrecken. Dann sank er wieder zu der halb geknickten und resignierten Positur, die er anfangs eingenommen hatte, herab. Dieser Aktus hatte eine vehemente Wirkung auf das Publikum. An der veränderten Atmungsweise aus dem Dutzend oder wie viel Leute, die wir beisammen waren, konnte man dies deutlich abnehmen. Das blaue Christus-Auge, welches bei etwas veränderter Kopfstellung nun aus einer schrecklich breiten, wächsernen Apathie herausstarrte, blieb fast gerade mir gegenüber stehen und schaute mich an. Kinn, der rechts im Guß zusammengeflossene rote Mund, Nase und die massigen Fleischteile waren zweifellos auf größere Entfernung berechnet; aber wie schön war dieses blaue Auge! Wenn der Blick des wirklichen Heilandes nur halb so innig war, dann mußte er alle Frauen Jerusalems in dem Maße entzücken, daß sie nach Hause zu ihren Männern liefen, und unter Androhung der Entziehung aller weiblichen Gnadenmittel erklärten, ein Mensch mit so schönen blauen Augen dürfe nicht hingerichtet werden. – Der Budenbesitzer hatte nach den schwerwiegenden, Christi Mund entnommenen Worten: »Einer unter Euch wird mich verraten!« offenbar dem Publikum Zeit gelassen sich zu orientieren. Er mußte aber auch warten, bis der Sinn dieser Worte in die Wachsköpfe der Jünger eingedrungen war. Und dieß schien nun wirklich der Fall gewesen zu sein. Denn als der artistische Leiter, ich meine der Budenbesitzer, noch einmal mit kräftigem Dresdener Dialekt, eindringlich, und mit echt protestantischer Verve betont hatte:

    »Wahrlich, ich sage Euch, Einer unter Euch wird mich verraten!« – und Christus wieder mit zerschmelzendem Rythmus das breite Lords-Gesicht erhoben, die prachtvoll-weißen Hände über den Fisch ausgestreckt, und ein klingendes »Nja!« herausgestoßen, begann sofort eine wächsern-glänzige Revolution unter den Jüngern. Jakobus (der Ältere) und Andreas, ersterer in einem schottisch-karrirten Überwurf, die beide an der, vom Publikum aus betrachtet, linken äußersten Tischecke einander zugewandt saßen, und von denen der letztere bis dahin konstant in die rechte Soffite, Jakobus dagegen auf eine vor ihm stehende

Schale mit roten Äpfeln geblickt hatte, begannen nun beide mit bedenklicher Miene die Köpfe hin und her, von den Jüngern zum Publikum und vom Publikum wieder zu den Jüngern, zu drehen, als wollten sie sagen: »Das ist ganz unmöglich! Diese Geschichte mit dem »»Verraten«« ist ganz unmöglich; wirklich ganz unmöglich!« – Einige Leute im Publikum fröstelnd getroffen von den schwarz lackierten Augen des Jakobus (des Älteren), räuspern verlegen und schauen vorsichtig um, ob sich der Verräter unter den Zuschauern befinde. Die ruhelos schnurrenden Köpfe der beiden Jünger bleiben schließlich dicht einander gegenüber stehen, und durchbohren sich gegenseitig mit glänzigstarrenden Blicken, als röchen sie mit den Augen gegenseitig auseinander heraus, wer von ihnen heute noch »den Herrn« verraten werde.

    Zweifellos war auf der andern Seite des Tisches eine ähnliche Serie von Entrüstungen vor sich gegangen, ohne daß ich sie beobachten konnte; ich schloß dies daraus, daß die oben schon genannten Bartholomäus und jüngerer Jakobus, von denen der letztere einen gelbseidenen Kaftan an hatte, und die zu Anfang ruhig und gelassen dort saßen, nun mit Händen und Oberkörper zum Tisch hineingelümmelt waren, und trotzig und wie herausfordernd zu Christus hinüberschauten. Der artistische Arrangeur hatte hier offenbar ein große Schwierigkeit zu überwinden und wäre durch diese Gruppe beinahe zu Fall gekommen. Zum Glück hatte der jüngere Jakobus, der eine von den beiden etwas ungeschlachten Jüngern, die hohlgemachte Hand am Ohr, so daß man sah, er horchte, und, was ihre wulstigen, dicken Lippen frugen, war etwa: »Was ist da gesagt worden von »»Verraten««? Haben wir recht gehört? Wer verraten? Wie verraten? – Beim »»Verraten«« müssen wir bitten, unsere Namen auszuschließen!« – Eine sehr gute Geste hatte sich Matthäus einstudiert, der als späterer Evangelienschreiber seinen Platz gleich links vom »Herrn« hatte, und der mit der rechten Hand immer in bestimmten Pausen an die Stirne fuhr, als besänne er sich, ob denn ein ähnlicher Verdacht früher schon ausgesprochen worden sei, im Üebrigen aber in der maßvollen Zurückweisung desselben mit seinen Genossen gleichen Sinnes war. Daß Thomas, der später durch seinen Unglauben soviel Aufsehen gemacht, und der wiederum links von Matthäus saß, ungläubig sein Haupt – nun schon seit fünf Minuten – schüttelte, war vom Mechaniker dieser Gruppe zu erwarten gewesen, und da in diesem Falle der Akteur – Thomas – von jedem Übertreiben sich fern hielt, also beim Schütteln auf der Höhe der Exkursion nicht jeweilig mit dem Blick das Ohr seines Nachbarn zur Rechten oder Linken (dort saß Philippus) streifte, so war sein ewiges Verneinen durchaus im Rahmen des Protestes der Andern.

    In all dieser fleißigen Bewegung, diesem Fragen, Besinnen, Kopfschütteln, Entrüstet-Thun ec. war aber Christus, dieser schöne Mann in der Mitte, vollständig apathisch, und so zu sagen stocksteif; er kümmerte sich nicht im Geringsten um die Vorgänge um ihn, sondern blickte ruhig auf seinen Fisch. –

    Nun aber ging es auf der linken Seite wieder mit verstärkter Vehemenz los. Petrus, ein Mann in den Sechziger, mit grauem, spitzig zulaufendem Vollbart und resoluten Gesichtszügen, der, zur Linken von seinem Bruder Andreas placiert, die ganze Zeit mit verdutztem Kopfe dortgesessen war, wurde plötzlich lebendig, hob den Kopf gegen das Publikum, zog ein mit Silber-Papier überzogenes, sensenartiges Messer hervor, und fuhr mit kopfabschneidenden, kräftigen Bewegungen hoch über seinem Haupt etwa fünf bis sechs mal hin und her, wobei der dicht neben ihm (in der Richtung zu Christus zu) sitzende Judas Ischariot eine deutliche, ruckartige Bewegung machte und an seinen Hals langte, während im Publikum tiefe, Entsetzen verratende Atemzüge hörbar wurden, und ein Zuschauer zu meiner Linken, wie ich sah, seinen Rockkragen hinaufschlug. In der That, diese energische Handlung Petrus' machte den besten Eindruck; wie überhaupt auf dieser linken Seite (rechts vom »Herrn«), wo außer den schon genannten noch der agitatorisch angelegte Simon der Zelote saß (neben Judas), sich, wie man sofort erkannte, die älteren, reiferen und kritik-begabteren Elemente vereinigt hatten; während auf der andern Seite (links vom »Herrn«) man sich mit zweifelsüchtigen Mienen, Mundwinkel- Zucken und Augen-Zwinkern begnügte, aber keine großartig-theatralische Bewegung, Messerführung, oder resolutes Sich in den Bart-Greifen das Vorhandensein eines tiefer angelegten Räderwerks in den betreffenden Geistesmaschinen verriet. Aber weder hier Ruhe und Gleichgültigkeit, noch dort Aufgeregtheit und Petrus mit seinem Blank-Ziehen, vermochten das zu bewirken, was jetzt am allernötigsten gewesen, um die Sache vorwärts zu bringen, nämlich Christus aus seiner Lethargie aufzumuntern, oder ihn zu veranlassen, etwas darüber zu sagen, wer denn eigentlich der »Verräter« sei. – Christus hatte seine langen Hände auf dem Fisch und sein Gesicht war auf die Hände gerichtet und über dem Gesicht hing die prachtvoll- blonde englische Perrücke in unlösbarer Steifheit herunter über Gesicht, Fisch und Hände. – »Einer unter Euch wird mich verraten!« – Diese Worte aus dem Munde des »Herrn« muß ich statt des Budenbesitzers hier noch einmal dem Leser in's Gedächtnis zurückrufen; diese Phrase hat all die Aufregung in dieser wächsernen Gesellschaft hervorgerufen; alles Messer- Ziehen und Sich-an-den-Kopf-langen bezieht sich auf sie; und es wird keine Ruhe unter diesen ehrenwerten Männern eintreten, bis der Verräter bekannt ist. – Als demnach Christus jeden Versuch von Seiten der Apostel, sich näher zu äußern, trotzte, wandte man sich an Johannes, von dem bekannt war, daß er alle Gedanken des »Herrn« wußte. Alle Köpfe wandten sich also jetzt – erst am Tisch und dann im Zuschauerraum – dem rechts neben dem »Herrn« placierten jugendlichen Johannes zu, gleichsam mit der Frage, was er zu der schrecklichen Anklage meine. Dieser Johannes war ein blutjunger, liebenswürdig-schöner Mensch mit vollen Mädchen-Wangen, blauen, unverdorbenen Augen, süßem, rotem Mund, trug ein rosafarbiges, bauschiges Kleid mit weiblichem Schnitt, das mit einem blendendweißen Kragen den jungfräulichen Hals abschloß; eine blonde Lockenfülle, die bis auf den schneeweißen Kragen niederfloß, ergänzte dieses bausbäckige Gesicht zu einer so verführerischen Erscheinung, daß die jungen Mädchen, die sich zu zwei oder drei im Zuschauerraum befanden, flüsternd zusammenrückten und sich mit dem Ellbogen anstießen, auch von diesem Moment an keinen Blick mehr von dem prächtigen jungen Menschen verwandten. Seine geheime Konstruktion erlaubte ihm, die Arme flügelähnlich vom Körper auf und nieder zu heben, und als er dies zum Zeichen der Bejahung, oder der Meinung, daß er an dem Wort des »Herrn« nichts zu ändern habe, etwa fünf bis sechs mal hintereinander mit luftiger Geschwindigkeit that, wurden plötzlich die Mienen aller Apostel bleich und käsig, bleicher fast als Wachs, und die zwei Hineingelümmelten, von denen ich oben sprach, am äußersten Ende des Tisches, Bartholomäus und der jüngere Jakobus, zogen sich von der Tischplatte zurück, wie durch die Geste des jungen Johannes gleichsam vergewissert, daß also wirklich der »Verräter« da sei; der jüngere Jakobus ließ die hohle Hand vom rechten Ohr niedersinken, als habe er genug gehört; Thomas stellte sein ungläubiges Schütteln ein; Matthäus schlug sich nicht mehr mit der Hand vor die Stirn; und auch drüben auf der linken Seite ließen Alle die steifen, teils zur Abwehr, teils staunend und fragend, erhobenen Arme fallen, und eine allgemeine resignierte Abspannung gab sich durch die Reihe der schwergetroffenen Jünger kund.

    Nun darf der Leser nicht vergessen, was es für eine Bewandtnis damit hat, daß diese elf Apostel, alles bejahrte, ergraute Männer mit ernsten Gesichtszügen, durch diese kleine, fast flatterhafte Meinungskundgebung des jungen Johannes so im Innersten getroffen wurden. Johannes war eben der erklärte Liebling Jesu, er »lag an der Brust des ›Herrn‹«, wie es im Evangelium von ihm heißt, und wußte dessen Gedanken; Christus muß dem jungen Johannes wiederholt Dinge mitgeteilt haben, von denen die Andern erst viel später Kenntnis erhielten; dies erklärt die apodiktische Sicherheit, mit der jedes Wort und jede Geste von dem letzteren aufgenommen wurde; und dies erklärt auch den Umstand, daß der junge Fant den Ehrenplatz rechts neben Christus einnimmt, und zwar auf einer Seite des Tisches, wo die Charakterköpfe der ältesten und wichtigsten Apostel den größten Gegensatz zu einem Milchgesichte bilden mußten, dessen Gesichtszüge zwar Unschuld aber auch vollständige Unerfahrenheit, verrieten. Denn auf dieser Seite, ihm zunächst, folgte – um noch einmal die Reihe zu nennen – der entflammte Zelot Simon (der Kananiter), dann der verwegene und zielbewußte Judas Ischariot (der, wie das gebildete Publikum wohl größtenteils weiß, der »Verräter« ist); dann der gleich vom Leder ziehende, stets bewaffnete Petrus; dann dessen nicht minder entschlossener Bruder Andreas; und schließlich der mürrisch und finster dreinschauende, jedenfalls sorgengequälte ältere Jakobus in seinem schottischen Anzug. Der Kontrast kam noch in anderer Weise zum Ausdruck: während nämlich alle Apostel sich so zu sagen von dem gedeckten Tisch losgelöst hatten, als hätten sie kein Recht mehr an dem heiligen Mahl Teil zu nehmen, und – durch geschickte Machination der unter dem Sitz befindlichen Hauptschraube jedes Einzelnen – mit freiem Oberkörper dort saßen, war Johannes neben Christus der Einzige, der, – wenn der Ausdruck verständlich ist – den Tisch belegt hatte. Aber wie belegt! Denn während Christus in seiner stereotypen Haltung, Hände und Gesicht in unerbittlicher Apathie über den Karpfen gebeugt, nach wie vor verharrte, lag der junge Johannes mit den beiden Armen über die ganze Tischplatte hereingelümmelt, das Kinn am Tischtuch, und die apfelblütigen Wangen hinaus in's Publikum gerichtet, wo er mit seinen naiven Unschuldsaugen ein junges Mädchen anguckte, die zitternd und erregt neben ihrer Mutter stand. Letztere war eine Postoffizials-Witwe, wie ich zufällig wußte, da ich sie draußen zwischen den Buden schon einmal hatte anreden hören. Und sie schien nichts gegen dieses gegenseitige Angucken der jungen Leute zu haben. – Nun will ich gerne zugeben, daß der Künstler den jungen Johannes zu jugendlich, zu läppisch gebildet hatte, vielleicht gerade um dem Publikum die Stelle begreiflich zu machen, in der es von ihm heißt, daß »ihn der »»Herr«« lieb hatte«, – und daß er an der Brust des »Herrn« ruhte, – aber das Alles hindert nicht, daß die alten Apostel von dem jungen Menschen in der unwürdigsten Weise abhingen, auf jedes seiner Worte lauschten, und daß dieses unnatürliche Verhältnis hier in der schroffsten Weise seinen Ausdruck fand. –

    Eine bleierne, trübe Stimmung lag nun auf der ganzen Versammlung. Der Heiland impassibel in seiner früheren Haltung. Die Apostel tief in Gedanken versunken. Der junge Johannes mit seinem bausbäckigen Lächeln schien von der ganzen Sache gar nichts zu verstehen. Auch im Publikum war eine gewisse trostlose Gedrücktheit zu bemerken. Ein schallendes »Nja!« entfuhr noch einmal den Lippen des Heilandes, – und zwar diesmal, ohne daß er aufsah, – und schien zum Überfluß noch einmal zu bekräftigen: »So ist's, wie ich gesagt habe. Und da wird Nichts d'ran geändert!« – Für mich war damit, nebenbei bemerkt, entschieden, daß der »Nja« – Mechanismus mit der Bewegung des den Kopf-Aufrichten's, des Fisch- Segen's nichts zu thun hatte. – Nun aber änderte sich plötzlich die Szene: Judas, der während der letzten Minuten sich mit dem schottisch-gekleideten Jakobus, – über den Tisch hinüber, – leise unterhalten hatte, und zweifellos des Englischen mächtig war, war plötzlich aufgesprungen, und indem er mit dem goldgestickten, gefüllten Beutel, den er in der Hand hatte, ein paarmal tüchtig auf den Abendmahls-Tisch einhieb, schrie er: »What's the matter?« dreimal mit so schneidender, inquisitorischer Stimme, daß alle heftig erschraken, und sogar Christus in leise zitternde Bewegung geriet. – »What's the matter? – What's about »»wird mich verraten««? What's the matter?«1 Dabei warf er den wunderschönen, von schwarzem, hohenpriesterähnlichen Vollbart umrahmten, funkelnden Kopf heftig nach links und rechts, im Vorübergleiten den Heiland fest in's Auge nehmend. Er war ein prächtiger Mann, mit rassigem, scharfgeschnittenem Gesicht; eine kühne Adlernase gab dem ganzen Kopf etwas Siegreiches, Ideelles. Zweifellos war er der Bedeutendste der ganzen Gesellschaft. Von imponierendem Äußern. Gewiß hatte er längst die jede echte Genialität erstickende Gefahr der sanften, unscheinbaren Heilandslehre erkannt, die alle Menschen gleichmachen wollte. Er verband mit der Schärfe des Denkens die Entschlossenheit des Handelns. Und nur das Herz fehlte ihm. Sein Plan der Unschädlichmachung der neuen Lehre war korrekt in Konzeption und Ausführung. (Die paar Silberlinge waren gar kein Gegenstand). Nur vergaß er, daß der blonde Heiland auch zum Sterben bereit sei. Ein süßer Herzenswahnsinn hatte in Letzterem längst Platz gegriffen, als er sich entschloß nach Jerusalem zu reisen. Eine fatalistische Schwelgerei ließ ihn innerlich lächeln über die Spieße und Stangen der Pharisäer, und die Mordtaktik des Judas. Aber dieser, wie gesagt, war ganz korrekt. Er war ein guter Schüler cäsarischer Berechnung und Rücksichtslosigkeit, welche er ja durch die römische Herrschaft täglich vor Augen hatte. Nur vergaß er, daß mit dem Tod Christi nicht Alles vorbei sei. Diesen blutigen Schachzug hatte er aus dem so milden, guten, thränenreichen Antlitz des Heilandes nicht herausgelesen. – Das Publikum konnte nicht umhin seiner Freude über die dramatische Kühnheit des Judas Ausdruck zu geben. Sie waren plötzlich fast Alle auf seiner Seite. Ein angenehmes Grausen über die schroffe Manier des schönen »Verräters« überkam Alle. Besonders die Weiber waren entzückt. Viele fanden den schwarzen Schnurrbart göttlich. Nur ein altes Weib neben mir, mit einer Zahnlücke auf der rechten Seite, pfiff und zischte aus dieser Lücke so vehement heraus, daß man ihr die Entrüstung anmerkte, ohne hinzusehen. Sie war jedenfalls bibelfest. – Vielleicht Protestantin. –

    Judas trug prächtige Kleidung. Offenbar standen ihm bedeutende, hohepriesterliche Mittel zu Gebote. Die dreißig Silberlinge kamen nicht in Betracht. Schon der scharlachrote Überwurf, der mit goldnen, sich ringelnden Schlänglein bestickt war, konnte um diese Summe nicht hergestellt werden. Wie zur Sänftigung war das Untergewand aus merlinfarbenen matten Pers hergestellt. Der Kopf drehte sich vorzüglich. Er machte immer eine ganze halbe Wendung, vom Heiland hinüber zum Andreas, ohne das Publikum zu würdigen. – Die Direktion wußte, daß dieser Moment das Publikum auf's tiefste errege, und ließ zu Gunsten des Bekleidungsfonds für die Apostel einen Teller herumgehen.

Pause

 Während der Sachse mit dem Teller herum ging, fiel zu meiner größten Ueberraschung der Vorhang plötzlich über die Abend-Mahl-Szene. Auf den Moment, wo Christus Judas den Bissen reicht, schien also der Verfertiger der Gruppe, wohl wegen der großen mechanischen Schwierigkeiten, Verzicht geleistet zu haben. »Sogleich beginnt der zweite Akt!« rief der Budenbesitzer mit lauter Stimme jenem Teil des Publikums zu, welches sich nach Fallen des Vorhangs etwas in den Hintergrund des Zuschauer-Raums zurückgezogen. Er war wohl besorgt, es möchten Einige das Theater verlassen. Offenbar wurde noch einmal gesammelt. Ich suchte durch ein etwas größeres Geldstück die Aufmerksamkeit des Teller-Trägers auf mich zu lenken, da ich verschiedene Fragen zu stellen hatte. Auf der Bühne verdunkelten sich jetzt die Lampen und aus dem Rumoren und Poltern merkte man, es werde eine neue Szene aufgeschlagen. – »Sie haben da vortreffliche Figuren!« sprach ich den Sachsen an, der im Zuschauer-Raum die Herrschaft führte. »»Ja, – meinte er, – seit wir den neuen Christus haben, geht es besser.«« – »Hatten Sie früher einen andern Christus?« – »»Ja, – der war geschnitzt, – aber ganz schlecht, – und schon ganz schwarz; – der nahm sich unter den schönen Wachsköpfen wie der Teufel aus; – wir haben ihn verkauft.«« – »Allerdings, der neue Christus ist vortrefflich.« – »»Oh, ich sag' Ihnen, der ist so schön, so sanft, – wissen Sie, das blonde Haar, das blaue Auge, – ich sag' Ihnen, die Leute haben oft geweint.«« – »Spricht er denn nicht die Worte: Wahrlich, ich sage Euch... ec.?« – »»Nein, der hat nie gesprochen, das käm' zu teuer; das »Ja!«, welches er spricht, haben wir hier in Nürnberg erst machen lassen, das kostet uns allein über achtzig Gulden.«« – »Dieses »Nja!« scheint aber selbst wieder sehr kompliziert zu sein?« – »»Ja, es hat zwei Pfeifen und ein Schnarr-Register.«« – »Sagen Sie ein mal: Warum spricht der Judas englisch?« – »»Den haben wir von einer englischen Truppe gekauft.«« – »Ja, aber gerade die inhaltsschweren Worte, die er zu reden hat, die versteht ja kein Mensch!« – »»Oh, das macht nichts; im Gegenteil, es wirkt ungeheuer; die Leute sind ganz paff; – diesen Judas gäben wir für keinen andern her, – nicht einmal für einen hannoveran'schen, – der ist unsere beste Figur!«« – »Was ist das, ein »hannoveranischer Judas«?« – »»Pst!«« machte der Sachse und deutete auf den Vorhang, der sich soeben erhoben hatte.

Kreuztragung

 Eine weite kahle Heide. Auf dem Boden hie und da etwas buschiges Gras, dessen breite, prachtvoll grüne Halme, wie mir schien, in Schweinfurter-Grün getaucht und mit Silber-Puder bestreut waren. Keine Seele auf der weiten Fläche. Ob dieses Feld in der Nähe von Jerusalem war, ob der Zug nach Golgatha hier vorüber mußte, ob voraussprengende römische Kriegsknechte jeden Moment zu erwarten waren, oder ob es das Stelldichein einer friedlichen Szene werden würde, ob die schöne Magdalena hier vor dem Publikum ihre blonden Flechten auseinanderwickeln werde, um sie mit ihren Thränen zu waschen, – das Alles wußte kein Mensch, da ja im Vorausgehenden die Direktion bewiesen hatte, daß sie sich unmöglich, weder in der Aufeinanderfolge der Scene, noch in den Einzelheiten des jeweilig Dargestellten, wortgetreu an den Text der synoptischen Evangelien halten könne. Aber Stimmung machte schon diese weite, grünumflossene Ebene, die von den acht Lampen hinter der Verschaalung grell beleuchtet wurde. – Und plötzlich näherte sich aus der rechten Koulisse eine große Maschine, deren Schatten die Soffiten-Beleuchtung zu früh auf der hinteren Szenen-Wand zu Gesicht brachte. Man wußte noch nicht, was es war. Es schien nur ein kolossales Ding. Jetzt kam es näher. Und plötzlich erschien ein Balken, der hinunter ging; dann kam ein Balken der hinaufging; dann die Vereinigung der beiden Balken; und dann ein Kopf. Ein wachsbleicher Kopf mit wunderschönen blonden Haaren, die auf dem Scheitel geteilt waren. Es war wieder der weiße Lord. Es war Christus, der in ein großes bauschiges, helles Gewand gehüllt, unter dem Kreuz zusammengeknickt, auf der Szene vorüberzog. Doch bewegte er die Füße nicht. Im Gegenteil, alles war starr und steif. Und dieses vermehrte noch das Eindrucksvolle. Offenbar wurde durch einen Bühnen-Einschnitt über die ganze Breite der Bühne hin die im Souterrain genügend befestigte Figur hindurchgezogen. Der Rücken war wohl gekrümmt, und überhaupt die ganze Gestalt so tragisch und gebrechlich wie möglich hingestellt; trotzdem war der Kopf in einer ganzen Viertelsdrehung nach links zum Publikum hinaus gedreht, und außerdem noch so weit zur Schulter hinauf gehoben, daß die Augen fast wagerecht zu liegen kamen; und schaute nun so mit gespenstig-bleichen, wie erstarrten, wie bei einer andern milden Gelegenheit gefrornen Gesichtszügen, aus denen jeder Schmerz und jede Anstrengung gewichen war, direkt aus der Bühne heraus; eine Kombination von Pose und Affekt, die in der Natur gar nicht möglich wäre, die aber hier die kolossalste Wirkung hervorbrachte. Es war nicht derselbe Christuskopf wie beim Abendmahl. Der dort war englischer, breitkiefrig, fleischig und die Perrücke glatt gestriegelt. Der hier war idealer, deutscher, etwas hohlwangig, ein feinfühliges Kinn, und wunderschöne blonde Locken flossen auf die Schulter hernieder. Langsam, starr, lautlos und stete zog dies gepeinigte Christusbild wie eine Vision quer über die Bühne. Es war jetzt beiläufig in der Mitte. Der Sachse sprach kein Wort. Dies war auch gar nicht nötig. Jedermann, das kleinste Kind, wer nur aus dem Publikum jemals einen Schulkursus in deutschen Landen mitgemacht hatte, oder einmal ein Bild von einem Franziskaner-Pater geschenkt bekommen hatte, der wußte, das ist Christus unter dem Kreuz. Dieser stumme Religions-Unterricht hatte die ungeheuerlichste Wirkung unter den Zuschauern, und setzte sich in ihrer Fantasie wie eine gewaltige Macht fest. Und ich war froh, als der weiße Mann endlich zwei Drittel der Bühne zurückgelegt hatte. Denn auf Momente hatte ich die Empfindung, das vor Entrüstung fassungslose Publikum möchte hinausstürmen und irgend Einen zwischen den Buden ergreifen und als »Verräter« halb totgeschlagen hereinschleppen. Denn was das blonde bleiche Antlitz da droben nicht sprechen konnte, das sprach wie mit Stentorstimme im Gewissen des Publikums: »Wer hat das angerichtet? Wer ist Schuld an dieser Marter? Wer ist der Teufel, der es zu verantworten hat, daß dieser wunderbare Mensch da droben so leidet?« – Wie es bei Vorüberführen von so fest- gegossenen Bildnissen geht, die Augen schauen, in welcher Stellung auch immer, stets den Beschauer an. Und als der Heiland sich der linken Soffite näherte, schauten seine wasserhellen, blauen Augen mit einem schmerzlichen, vorwurfsvollen Ausdruck zurück in's Publikum, als sprächen sie »Folge mir nach!« so daß einzelne Mädchen entsetzt von der äußersten Rampe, bis zu welcher das Publikum vorgehen konnte, zurückwichen. Und in der Fantasie eines solchen, der leichter entzündbarer ist, als Andere, mochte jetzt der Gedanke entstehen, es könnte Einer von dem zurückschauenden Blick des Heilands verwirrt und seiner Umgebung vergessen, mit einem einzigen Satz über Rampe und Lichter hinweg auf die Bühne springen, um zerknirscht dem bleichen, wächsernen Bild zu Füßen zu sinken. Aber Gott sei Dank, Alles blieb still, wie durch ein Blei-Gewicht in der Brust hingefesselt, starr, fasziniert. – Jetzt war die lichtumflutete, gewaltige Erscheinung dicht bis an die linke Soffite gekommen. Eine Verzögerung schien zu entstehen. Das Bild machte Halt. Hinter ihm nach folgte, wie eine schwarze Schlange, der riesige Kreuz-Balken. Aber vorn schienen die kleinen Balken-Enden, die über die Schulter hereinhingen, nicht zur Soffite hineinzukönnen. Das Bild schwankte jetzt hin und her.

Der Sachse ging vor und schaute in die Soffite. Nur jetzt keine Katastrophe, – dachte ich mir, – und Menschen, die diese weiße Gestalt bis in ihr spätestes Alter mit sich in der Fantasie herumschleppen werden, noch ein Ärgernis bereiten. – Doch jetzt ging's wieder vorwärts. Noch ein einziger, langer, blauer Blick über die ganze Versammlung, und das blonde Haupt verschwand hinter der Soffite, und der Vorhang fiel. – Ein einziger großer Atemzug im ganzen Publikum löste die Anwesenden wie von einem lange ertragenen Alp. »Zum Besten des Maschinisten!« – sagte der Sachse, und ließ einen Teller herumgehen.

Pause

Während noch Alles still dastand, Einige flüsterten, Niemand aber die feierliche Stille zu unterbrechen wagte, hörte man plötzlich von hinter der Bühne her einen schallenden Klatsch und gleich drauf in norddeutschem Dialekt an Jemanden zornig die Frage gerichtet: »Wie können Se man so dämlich sein und Christus an die Wandverkleidung anrennen lassen?« – Obwohl diese barbarische Unterbrechung, welche mit einem Schlag das ganze Komödiantenwesen aufdeckte, die feierliche Stimmung in's Gegenteil zu verkehren geeignet war, so zeigte sich doch im Publikum keine Neigung auf die Komik des Vorgangs einzugehen. Die Macht der weißen Christus-Erscheinung, die mit ihren hellen kolossalen Umrissen in der Fantasie nachzitterte, war doch stärker wie diese Lappalie. Nur der Sachse lachte verstohlen in seinen Teller hinein. Er kannte offenbar den Schlingel, der die Christusfigur im letzten Moment ihres Verschwindens, als sie in's Wanken kam, schlecht dirigierte, oder die Soffite nicht richtig gestellt hatte. – »Sie scheinen stark auf die Nerven Ihres Publikums zu rechnen!« – sagte ich zum Sachsen, als er zum Einsammeln zu mir kam, indem ich durch eine Silbermünze seine Aufmerksamkeit mir auf's Neue zu sichern suchte. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, daß seine Ernte an Geldstücken eine ganz überraschend reiche war. – »»Wir müssen darauf halten, – antwortete er, – mit dem Entrée könnten wir knapp die Platzmiete bezahlen!«« – »Sind während der letzten Nummer noch keine Unfälle vorgekommen?« frug ich weiter. – »»Manche bekommen ihre hinfallende Krankheit, – aber in England thut man ja noch vielmehr!«« – »?« – »»Die englischen Figuren sind viel derber und ungenierter; – sie hauen auf den Tisch und machen sich Fäuste, als wollten sie boxen; – einen englischen Christus habe ich gesehen, der Ihnen wunderschönes Blut schwitzte; – und die Truppe, von der wir den Jakobus in dem schottischen Kleid haben, brachte eine Nummer vor der Kreuzigung, in der sich Judas in einem Obstgarten an einem verdorrten Baum erhängt, – aber da, sage ich Ihnen, da fliegen die Sovereigns, und der Strick wird in zehn bis fünfzehn Teile geteilt, und für 'ne Christuslocke wird fünf Pfund geboten!«« – »In Deutschland ist dies Alles wohl verboten?« – »»Ach, die Behörden haben ja gar kein Verständnis für diese Dinge; bei uns steckt noch Alles in den Kinderschuhen, nur unsere Köpfe sind besser.«« – Diese Unterredung wurde halblaut zwischen uns geführt, und ich wollte mich nur noch betreffs des »hannoveranischen Judas« erkundigen, als hinter der Bühne ein Zeichen gegeben wurde, womit sich der Sachse entfernte, und alsogleich ging der Vorhang auf.

Golgatha

 Eine große Menge von Personen füllte die Bühne, von denen es zunächst auffiel, daß ein Teil lebte, die Andern aus Wachs waren. Links vorn auf einer Seiten- Estrade saß der kurzgeschor'ne Pilatus mit etwas mürrischem Gesicht und wusch seine Hände in einem zinnernen Becken. Korrespondierend rechts stand der Hohepriester Kaiphas, im reichen Ornat, den mit der Mitra geschmückten Kopf so den Bühnen-Vorgängen zugewendet, daß man vom Gesicht nur Nase und den glänzend-schwarzen Vollbart sah; er zuckte in rythmischer Weise fortwährend mit der Achsel, wobei sein mit Steinen geziertes Priestergewand jedesmal in rasselnde Bewegung kam, als wollte er sagen: »Ja, ich kann's nicht helfen, – wenn es das Volk so will!« – Beide Figuren, der Jude und der Römer, schienen selbst-thätige Mechanismen zu sein, die zu ihrer In- Gang-Setzung keine weitere Bedienung nötig hatten. Die Waschbewegung war ganz vortrefflich, in Idee wie Ausführung. Der fortwährend stumme Protest, wie: »Mich geht Eure Sache nichts an!« der in diesem allegorischen Händewaschen lag, war eine vorzügliche Charakteristik für den formellen römischen Beamten, und bildete einen wirksamen Gegensatz zu der blutigen Handlung, die sich unter ihm abspielte. Mechanisch betrachtet war aber die kreisförmige, stets sich in einander verwickelnde Bewegung der Wachs- Hände eine Kunstleistung ersten Ranges; übrigens, wie ich später erfuhr, französische Arbeit. Weniger erträglich auf die Dauer war das Achselzucken des Kaiphas; aber was war zu wollen? Die Figur war aufgezogen; besser sie zuckte, als daß sie gar nichts machte; so bekam man wenigstens eine Vorstellung von der Meinungsrichtung dieser einflußreichsten Persönlichkeit im »Hohen Rat«.

    Im Hintergrunde der Bühne standen drei Kreuze; das mittlere leer; an den zwei äußeren die zwei Schächer; diese beiden, alte schlechte Holzfiguren, mit ein paar farbigen Fetzen ausgestattet, mit Absicht, wie mir schien, außerhalb der Beleuchtung gerückt, um dem Publikum ihre Dekrepitität nicht zu sehr merken zu lassen, und überhaupt sehr vernachlässigt. – Am mittleren Kreuz, welches bereits die Inschrift trug, wurde soeben Christus aufgezogen. Er hatte bereits die Dornenkrone auf, war nackt bis auf die Lendenbinde, und der Oberkörper war anatomisch so schön in Wachs modelliert, daß er jedem Museum zur Zierde gereicht hätte. Die Hauptschwierigkeit lag aber hier in der Behandlung des Kopfes; zwar bewegte sich derselbe anstandslos auf und ab, nach rechts und links, konnte auch die Lider halb senken, und das Auge nach oben schlagen, aber was nicht zu erreichen war, die beiden Hauptempfindungen, oder Ausdrucksformen des Gesichts, die des Schmerzes, zu Anfang der Kreuzigung, und die der seligen Ruhe bei eingetretenem Tod, welche sich, physiognomisch betrachtet, kontradiktorisch einander gegenüberstehen, konnten nicht auf einem und demselben fest-modellierten Kopfe zur Darstellung gebracht werden; und zwei Köpfe konnte man doch nicht verwenden. Übrigens kam dies jetzt, wo noch Alles mit seiner Aufmerksamkeit bei dem Akt des Aufzuges engagiert war, noch nicht so zum Ausdruck, als später, nachdem einmal die Leiche hing. – Was nun dieses Aufziehen am Kreuz selbst anlangt, so war es klar, daß eine so komplizierte Arbeit nicht von Wachsfiguren, und wären es englische gewesen, verrichtet werden konnte. Man hatte deshalb als Kriegsknechte, welche dies zu besorgen hatten, zwei Statisten der Truppe verwendet. Leider war aber der Eine ein lümmelhafter, himmellanger Mensch, der fast bis zum Querholz des Kreuzes reichte, mit einem häßlichen, schrecklich bärtigem Gesicht; der Andere schielte, war kurz und breitschultrig und steckte immer den Kopf hinein, da er, wie ich zu sehen glaubte, noch immer eine verblaßte blaue Kravatte von seinem Werktag-Anzug an hatte. Schon dies mußte auf das Publikum revoltierend wirken. Die beiden Burschen standen hinter dem Kreuz und zogen an Stricken, die über das Querholz liefen, den Christus-Körper, der noch eben vor dem Kreuz ausgestreckt am Boden gelegen hatte, in die Höhe. Vor dem Kreuz stand mit dem Rücken gegen das Publikum ein großer Mensch mit Sammtmantel und turbanähnlicher Kopfbedeckung, der, wenn ich nicht irre, Nikodemus vorstellen sollte, und der den eben jetzt oben am Kreuzesstamm erscheinenden Christus an den Füßen hielt. Abgesehen nun davon, daß Nikodemus hier bei der Kreuzigung noch gar nichts zu thun hatte, kam es mir sonderbar vor, daß die beiden Kerls hinter dem Kreuz mit solch' übertriebener Vorsicht und einstudierter Langsamkeit, ganz gegen ihr eigenes Naturell und den Charakter ihrer Rolle, den Aufzug bewerkstelligten; und habe ich Grund zu glauben, daß der Direktor, der für seine Wachsfigur fürchtete, dazu Auftrag gab, und daß eben der Nikodemus vom Direktor gemacht wurde, um diesen Aufzug besser überwachen zu können. Doch war das Publikum voll Teilnahme und Spannung, und ganz auf der Höhe der tragischen Situation. Lautlos hing Alles an der schwebenden Christusfigur. Links wusch fleißig Pilatus seine Hände; und rechts zuckte Kaiphas, dessen Blick jetzt direkt auf die Kreuzeshöhe gerichtet war, mit den Schultern, als sagte er: »Es war wirklich nicht zu ändern. Ich bin im Rat überstimmt worden.«

    Als endlich die Figur fest am Kreuz angekommen war, ließ Nikodemus die Füße los, trat einen Schritt zurück und machte eine verkehrt-brünstige Bewegung, indem er die Hände weit ausstreckte und wieder zusammenpatschte, und dabei den Kopf etwas auf die linke Schulter fallen ließ, so den langgestreckten Christus unverwandt anstarrend. Als nun aber die beiden Kriegsknechte, die ihre Seile irgendwo angebunden hatten, hervorkamen, die Leiter ansetzten, hinaufstiegen, und mit etwas übertriebener Wucht und gemachter Roheit die Nägel durch Christi Hände schlugen, deren rotgeränderte Wunden mit dem abfließenden Blut übrigens schon vorgezeichnet waren, entstand im Publikum eine heftige Bewegung, man hörte einige laute Schreie ausstoßen, die Vordersten wichen von der Barrière zurück, und einige drohende Hände fuhren bei dem Zwielicht der Beleuchtung wie Schatten durch die Luft. Der Sachse, wie mir schien, an solche Dinge gewöhnt, rief mit ruhiger, plärrender Stimme: »Ich ersuche das hochverehrliche Publikum im Namen der Direktion keine Schmähungen gegen die weniger beliebten Persönlichkeiten der heiligen Handlung auszustoßen; es ist ja Alles nur von Wachs; es ist ja nur ein Vorgang; das Alles hat ja vor zweitausend Jahren stattgefunden; ich bitte das verehrliche Publikum sich ruhig zu verhalten; der Direktor hat von der hochverehrlichen königlichen Polizei-Direktion den Befehl, die Vorstellung sofort zu schließen, wenn Ungehörigkeiten vorkommen. Vor vierzehn Tagen hat Jemand aus dem Publikum mit harten Brodrinden nach dem Judas geworfen, und den Judas schwer verletzt. Das geht doch nicht; so ein Kopf kostet uns über zweihundert Gulden!« – Diese Rede hatte aber nur teilweise die gewünschte besänftigende Wirkung; denn nachdem jetzt die Kriegsknechte mit den Leitern sich entfernt, und Christus, dessen wunderschöner Kopf in vollste Beleuchtung gerückt war, mit schmelzendem Augenaufschlag und gebrochener Stimme, von der ich nicht wußte, woher sie kam, die »Worte am Kreuz« stammelte, hörte man im Publikum vielfach schluchzen. Nikodemus ließ sich nun auf ein Knie nieder, um dem Publikum die Blickrichtung über ihn hinweg zu ermöglichen, und unter das Kreuz traten jetzt Maria, Magdalena und Johannes. Maria und Johannes symetrisch rechts und links vom Kreuz; während Magdalena, eine hübsche üppige Person, stark dekolletiert, mit aufgelösten blonden Flechten, in knieender Stellung und mit brünstiger Geberde den Kreuzesstamm umfaßte. Sie war die Kassierin, welcher ich draußen beim Eingang zur Bude begegnet war, und welche jetzt, wo die Vorstellung zu Ende ging, zur Mitwirkung auf der Bühne verwendet werden konnte. Auch Maria und Johannes waren, wie Magdalena, keine Wachspuppen sondern wirkliche Personen; Maria, schrecklich mager und heruntergekommen, machte trotz einer höchst gewählten Toilette in dunkelblau, keinen günstigen Eindruck hinsichtlich der Ernährungs-Verhältnisse der Truppe, auf welche Maria Magdalena erst in so vorteilhafter Weise hinzudeuten schien. Und bei Johannes, der auf der rechten Seite stand, einem jungen, etwas hageren Menschen, mit braunen Locken, fiel mir eine einseitige Gesichts- Röte, wiederum rechts, nebst thränendem Aug' auf derselben Seite auf. Da die Thränen kaum auf die Handlung sich bezogen, weil er sonst künstlich mit beiden Augen geweint hätte, er auch ein etwas verdutztes Gesicht machte, so fiel mir unwillkürlich der schallende Schlag ein, der in der vorigen Pause hinter dem Vorhang gefallen war, und wenn ich an die breite Hand des Nikodemus dachte, wie er sie vorhin, die Arme gegen das Kreuz erhebend, gezeigt hatte, so war die kausale Verbindung der halbseitigen Gesichts- Röte des Johannes mit früheren Momenten zwar nicht sichergestellt, aber doch angedeutet.

    Eine ziemliche Schaar »Volks« drängte sich jetzt auch, aus dem Hintergrund kommend, zu beiden Seiten gegen das Kreuz vor. Es waren meist Nürnberger Straßen-Jungen und – Mädchen, bei denen man es nicht austräglich fand, sie erst in lange Kaftans zu stecken. Ihre Aufgabe war, mit großen Augen und erstaunten Mienen zum Kreuz hinaufzuschauen. Und so gaben sie auch ein vortrefflich eindrucksvolles Moment ab. Im Publikum war Alles mäuschenstill. Alles sah in atemloser Spannung auf die prächtige Christusleiche. Und obwohl es wahrhaftig an Einzelheiten nicht gefehlt hat, um die ganze Vorführung nur als höchst ärmliche Komödie zu erkennen, so konnte sich doch kein Mensch von der wunderbaren Symbolik, die um so ärmlicher, so inniger war, losreißen. Als nun gar die Lampen heruntergeschraubt wurden, und der Kopf des Heilandes durch eine vom Schnürboden aus wirkende elektrische Lampe in magische Beleuchtung gerückt wurde, und Christus mit den Worten: »Eli, Eli, lama asabthani!« das Haupt emporrichtete und mit schmerzlichem Augen-Aufschlag den Blick gegen Himmel wandte, entstand jenes fröstelnde Atmen unter den Zuschauern, welches auf eine zurückgehaltene aber tiefe Bewegung schließen ließ. Aber es war kein »Lump« da, den man hätte fassen können; kein Judas und dergleichen, den man für die Tragik verantwortlich machen konnte, sonst hätte ihn sich das Publikum auf der Bühne oder im Zuschauer- Raum schon herausgeholt. – Bis dahin war Alles gut gegangen. Und es wäre auch weiterhin gut gegangen, wenn nicht die Direktion durch einen unbegreiflichen Mißgriff eine Kollision geradezu heraufbeschworen hätte. Nachdem nämlich Christus bald darauf mit einem letzten Schrei verschieden war, sein Haupt schlenkernd auf die Brust herabfiel, die elektrische Lampe oben erlosch, Alles mit feiner Berechnung entsetzt vom Kreuz zurückwich, und durch mäßiges Aufschrauben der acht Lampen eine Dämmerstimmung über der ganzen Szene ausgebreitet war, kam der obenerwähnte langbeinige Kriegsknecht, der so wie so beim Publikum nicht besonders beliebt war, nahm eine Lanze und stach Christus in die rechte Seite, wo unter dem Wachsmodell höchst geschickt eine Blutblase angebracht worden war, so daß eine ziemliche Menge roter Flüssigkeit sprudelnd über den Körper sich ergoß, über die weiße Lendenbinde und bis zu den Schenkeln hinabfloß, im Zuschauer-Raum aber ein vielstimmiger Ausruf des Erstaunens und des Grausens laut wurde. Nun hatte dieser Kriegsknecht die unglückselige Idee auf diesen Ruf hin sich umzukehren, und da sein bärtiges Gesicht auch ohne jeden Affekt immer den Eindruck machte, als lache es, oder vielmehr, als grinse es, so glaubten die Zuschauer sich verhöhnt, fühlten sich als Juden, die Christo beim Einzug zugejubelt hatten, und machten in diversen »Oh! Oh! – Pfui!« und ähnlichen Interjektionen ihrem Unwillen Luft. Das zahnlückige Weib aber zu meiner Rechten glaubte sich zur Stimmführerin der allgemeinen Indignation berufen. Mit einem »Hundsknochen, elendiger!« sprang sie kreischend bis zur Bühne vor und hob die geballte Faust gegen den lanzenführenden Kriegsknecht empor, aus deren bläulich-verwittertem Aussehen ich entnehmen zu dürfen glaubte, daß sie eine Wäscherin oder dergleichen war. Nun fing der Kriegsknecht wirklich hellauf zu lachen an. Andrerseits aber brachte die unqualifizierbare Äußerung dieses Weibes das übrige Publikum zur Besinnung; man erkannte, daß man nur in einer Komödie war; die Frau, welche in ihrer lebhaften Empfindung jedenfalls an die Wirklichkeit dieses Vorgangs geglaubt hatte, wurde unter lauten Äußerungen der Entrüstung zurückgerissen. Aber die Wäscherin, welche inzwischen vermutlich auch wieder nüchtern geworden war, wurde nun durch die Opposition gereizt. Und da sie sehr mager und gelenkig war, so gelang es nicht sie zu bändigen. »Ihr seid auch nichts Bess'res als Christus-Schinder!« gilfte sie vor Zorn heraus. Während sie aber vielleicht nichts weiter bezweckte, als loszukommen und nach Haus zu ihren Kindern zurückzukehren, brachte sie durch ihren Widerstand das ganze Publikum in Unordnung und Aufregung, welches glaubte, sie wolle sich zur Bühne drängen. Jetzt begannen auch die Darsteller sich drein zu mischen. Maria Magdalena trat ganz vor an die Rampe zwischen Pilatus, der ruhig seine Hände weiterwusch, und Kaiphas, der noch immer gegen das Kreuz hin seine Zuckungen machte, und mit vorgestreckten nackten Armen beschwor sie das Publikum um Ruhe. Der Lanzenträger stand starr da, keiner Bewegung fähig. Allmählich kam die ganze Nürnberger Straßen- Jugend vor, welche als »Haufen Volks« figuriert hatten; und wie sie vorher mit großen Augen das Kreuz angestarrt hatten, so starrten sie jetzt auf die Vorgänge im Zuschauer-Raum. Dort war es inzwischen nun zu einer förmlichen Rauferei gekommen. Die Wäscherin lag am Boden. Der Sachse, den ich nicht mehr sah, muß nicht weit von ihr gewesen sein. Da sie aber einen höchst abgewetzten, bläulichen Drillich-Rock an hatte, und sonst nichts, so gelang es nur sehr schwer sie zu fassen. Sie quixte und gilfte in einem fort. Auf einmal ertönte eine tiefe Baßstimme mit norddeutschem Timbre von der Bühne herab. Es war Nikodemus in seinem sammt'nen Gelehrten-Talar, welcher den Turban vom erhitzten Kopf genommen, und das »hochverehrte Publikum« inständigst bat, doch Ruhe zu halten. Auch Josef kam vor, um zu beschwichtigen; da er aber fast keine Stimme hatte, begnügte er sich mit Fisematenten und Gestikulationen. Er kam gerade neben dem unentwegt weiterwaschenden Pilatus zu stehen, und diese beiden Figuren bildeten in ihren zwangsmäßigen und gewollten Gesten ein merkwürdiges Quotlibet. Nur Maria hielt sich unbeteiligt im Hintergrunde. Sie schien in der That leidend zu sein. – Ich weiß nicht, wie lange noch diese fatale Situation gedauert hätte, und was noch daraus geworden wäre, – denn einige Unbeteiligte lagen bereits am Boden und waren nach den Hilferufen zu schließen, in Gefahr ertreten zu werden, – wenn nicht einer Frau auf der Bühne ein rettender Gedanke gekommen wäre. Maria Magdalena erschien plötzlich mit fliegenden Haaren vorn am Eingang der Bude, wo immer ihr Platz als Kassierin gewesen war, und, indem sie den Vorhang, welcher das Licht vom Zuschauer-Raum abschloß, weit zurückriß, rief sie laut in's Publikum hinein: »Meine Herrschaften, die Vorstellung ist zu Ende!« Dies wirkte. Alle ließen von einander ab. Die Dortliegenden erhoben sich. Und merkwürdigerweise, die Wäscherin war die erste, welche mit einigen fluchtähnlichen Sätzen über die Eingangs-Rampe der Bude hinweg sich auf und davonmachte. Der Sachse, welcher jetzt auch hervorkroch, war abgemattet wie ein Hund; offenbar hatte er gegen die Wäscherin verloren. Alles atmete nun erleichtert auf. Man wandte sich dem Ausgang zu, wo Maria Magdalena immer noch den Vorhang hielt. Ihre nackten Arme, auf denen wunderschön geheilte Impf-Narben zu sehen waren, zitterten heftig; man wußte nicht vor Erregung, oder wegen der naßkalten Luft, der sie hier besonders ausgesetzt war. Man sah, sie hatte etwas Zorniges auf den Lippen; aber sie schwieg. Und während drinnen auf der Bühne Nikodemus zwischen den ruhelos weiter manöverierenden Pilatus und Kaiphas auf und niederging, und für seine Erregung keine weiteren Worte fand, als die ewige Wiederholung von: »Nein, dieses Publikum! Ein solches Publikum! Nein, da haben wir in Norddeutschland ein anderes Publikum!« – und von hinten aus dem nun ganz verfinsterten Bühnen- Raum die Christusleiche starr und wächsern hervorglänzte, – verließen die Letzten das Wachsfigurenkabinett.

Panizza, Oskar: Ein skandlöser Fall. München 1997, S.75-84

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